Studie zu Rechtsextremismus : Weniger Deutsche mit rechtem Weltbild

Ganz und gar rechtsextrem denken immer weniger Deutsche. Vorurteile und Feindseligkeit gegen Minderheiten, Arbeitslose und Schwache bleiben aber stark - auch unter jungen Leuten.

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Demonstration gegen Flüchtlinge in Berlin-Marzahn
Demonstration gegen Flüchtlinge in Berlin-MarzahnFoto: imago

Rechtsextreme Einstellungen sind in Deutschland in den letzten beiden Jahren deutlich zurückgegangen. Während sich noch 2012 bei etwa neun Prozent der Bevölkerung Zustimmung zum gesamten Spektrum rechter Ansichten feststellen ließ – darunter Rassismus, Antisemitismus und nationalistischer Chauvinismus – lag dieser Wert im Sommer 2014 bei nur noch 2,4 Prozent. Das ist nach Ansicht der Forschungsgruppe um den Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick, die die Daten für die aktuelle „Mitte-Studie“ der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung auswertete, auch der niedrigste Wert seit 2002, als sie begannen, das Feld zu untersuchen. Die „Mitte-Studie“ erscheint seit 2006; mit der neuen Ausgabe hat sie Zicks Bielefelder „Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ übernommen, dessen Langzeit-Untersuchung „Deutsche Zustände“ 2012 endete.

Das Ja zur Diktatur bleibt stabil

Am deutlichsten ist der Einbruch rechtsextremen Gedankenguts im Fall dessen, was die Forscher unter „Ausländerfeindlichkeit“ abfragten, die aber auch die Ablehnung von Migranten und anderer als fremd Wahrgenommener erfasst. Sie fiel von 25,1 Prozent Zustimmung 2012 auf 7,5 Prozent jetzt. Im Jahre 2002 war der Wert noch 26,9 Prozent. Chauvinismus – Nationalismus, der „deutsche Interessen“ entschieden nach Außen durchgesetzt sehen will – fiel von 19,4 auf 12,1 Prozent, auch Antisemitismus reduzierte sich demnach auffallend, von 8,6 auf 3,2. Einigermaßen stabil blieben die übrigen Indikatoren rechtsextremen Denkens: Eine Diktatur würden 4,1 Prozent der fast 2000 Befragten befürworten, Sozialdarwinismus hat 1,9 Prozent Anhänger und 1,8 Prozent verharmlosen den Nationalsozialismus. Als Grund für den starken Rückgang sehen die Forscher auch den NSU-Schock, der ab 2011 mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf Rechtsextremismus gelenkt habe, so die Sozialwissenschaftlerin und Mitautorin Beate Küpper.

Junge Leute bewerten Menschen nach Nützlichkeit

Die gute Nachricht „Alles wird besser“, wie Zick es ausdrückte, wird aber stark relativiert durch viele weit weniger positive Einzelergebnisse: So denkt fast die Hälfte der Befragten (47,8 Prozent) abschätzig über Landzeitarbeitslose und Asylsuchende (44,3), 27 Prozent halten Sinti und Roma für Menschen minderer Güte, 19 Prozent denken dies von Obdachlosen und 18 Prozent über Muslime. Mehr als zehn Prozent billigen Gewalt oder würden gegebenenfalls gewalttätig. Und die Gefahr von Rechts lässt viele kalt: Obwohl eine große Mehrheit der Bevölkerung sie sieht, halten 50 Prozent Ignorieren für das beste Mittel, ihr zu begegnen. Auch klassischer Antisemitismus ist jederzeit wieder abrufbereit. Im Gefolge des Gaza-Kriegs stieg er an, wie die Forscher in einer Sonderauswertung im September entdeckten - da allerdings nur auf der Basis von etwa 500 Interviews.
Grund gibt es der Studie zufolge auch, sich um die jungen Deutschen Sorgen zumachen: Sie werten zum Beispiel Langzeitarbeitslose sogar noch häufiger ab als die über 60-Jährigen und bewerten Menschen insgesamt besonders stark nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen. Im Vergleich zu Menschen mittleren Alters sind Jüngere auch - teils deutlich - rassistischer, antisemitischer, homophober, sexistischer und islamfeindlicher.

Wenn die Mitte schrumpft, ist die Demokratie in Gefahr

Diejenigen, die sich politisch oder ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage nach der Mitte zurechnen - das sind etwa drei Viertel der Befragten - sind insgesamt am wenigsten ansprechbar für rechtsextremes Gedankengut und kultivieren am seltensten feindselige Haltungen gegen Gruppen, obwohl auch sie, heißt es in der Studie, "ein erhebliches Ausmaß an Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen" zeigten. Dagegen habe die Oberschicht beziehungsweise die, die sich ihr zugehörig fühlen, in einigen Punkten "wesentlich höhere Zustimmungswerte". Wenn diese Mitte aber immer kleiner werde, gebe es Grund, sich um die Demokratie zu sorgen: "Wenn Prekarisierung auf der einen und wachsender Reichtum einiger Weniger auf der anderen Seite die sozioökonomische Mitte aufzehren, sind demokratische Grundorientierungen gefährdet."

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