Tag der Einschulung in Berlin : Für 30 000 Kinder beginnt heute die Schulzeit

Die fünfjährige Leonie ist eines von 30.000 Kindern in Berlin, die am Sonnabend in die Schule kamen. Und wie war ihr besonderer Tag? Vor allem aufregend, musikalisch – und süß.

Milena Menzemer
Leonie ist bereit für die Schule.
Leonie ist bereit für die Schule.Foto: Thilo Rückeis

Leonie steht mit Mama, Papa und Oma auf dem Winterfeldtplatz in Schöneberg, tastet nach ihren Haarspangen und trippelt von einem Bein auf das andere. Heute endet ihre Kindergartenzeit, ganz offiziell, Leonie kommt heute in die Klasse 1Md. Das M steht dabei für Montessori. Gleich kommt sie in die Schule – aber erst einmal geht es in die Kirche. Leonies Kleid schwingt mit, wenn sie sich dreht. Es ist lila, hat Pünktchen und einen Pinkstich. Darüber trägt sie ein Jäckchen in Kleidfarbe – darunter eine weiße Strumpfhose und Sandalen. Die Fünfjährige hat sich schick gemacht für diesen besonderen Tag. Vergangene Nacht konnte sie ganz ruhig schlafen, aber jetzt steht sie zwischen der Kirche und dem Schulgebäude im Einschulungstrubel und ist aufgeregt.

Es ist kurz nach neun. „Papa, kannst du jetzt mal die Schultüte nehmen?", fragt Leonie. „Die ist so schwer!" Sie übergibt die Tüte dem Vater, sie ist dunkellila und mit Pferdchen verziert. „Ich durfte noch nicht reingucken", sagt Leonie. Das Mädchen wird die katholische Schule Sankt Franziskus besuchen. Aber vor der allerersten Stunde gibt es in der gegenüberliegenden Sankt-Matthias-Kirche einen Einschulungsgottesdienst.

Die Schulanfänger drücken sich jetzt mit ihren zugehörigen Verwandtengrüppchen durch den Seiteneingang ins Kirchenschiff. „Die vorderen Reihen für die Schulkinder und deren Eltern", sagt eine Lehrerin ins Mikrofon. Leonie geht zielstrebig nach vorn und findet in der zweiten Reihe Platz.

54 Kinder werden hier heute eingeschult

Das Durchschnittalter in den Bankreihen ist heute jünger als sonst: An den Haken im Rücken der vorderen Bänke hängen nagelneue Schulranzen - mit Raketen, mit Flammen, Blumen oder Tigerfell. Leonies Ranzen ziert ein Delfin. Da dringt die Stimme des Pfarrers aus den Lautsprechern, andächtig still wird es trotzdem nicht. Im Mittelgang krabbeln jüngere Geschwister. In den Bankreihen rutschen die Schulanfänger auf ihren Plätzen hin und her.

54 Kinder werden hier heute eingeschult. Viele Mädchen tragen Kleider, manche Jungs gestreifte Hemden. Ein Junge hat sich sogar eine Fliege um den Hals gebunden. Einige der Kinder wirken verschüchtert, die meisten drehen und sehen sich aber die ganze Zeit um, halten nach Freunden Ausschau und beobachten die Kinder, die noch unbekannt sind. So auch Leonie. Das Mädchen kennt bereits fast ihre halbe Klasse aus dem Kindergarten.

Leonie ist eins von rund 30 000 Berliner Kindern, die am Sonnabend eingeschult wurden. An den rund 400 Grundschulen der Stadt wurde dieser Tag groß gefeiert, meist mit Theaterstücken, Tänzen oder Liedern, die die älteren Schüler in der ersten Schulwoche einstudiert haben. Insgesamt gibt es in Berlin mehr als 420 000 Schüler, etwa 5000 mehr als im Vorjahr. „Für die Erstklässler wird nun ein neuer Lebensabschnitt beginnen – mit vielen neuen Erlebnissen und Erfahrungen und bereits mit ersten kleinen Pflichten und neuen Anforderungen“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Das Wichtigste, was die Lehrerinnen und Lehrer den Kindern in der Grundschulzeit vermitteln wollen, ist die Fähigkeit und der Spaß am Lernen.“

Die älteren Schüler singen, während sich die Schulanfänger zur Segnung um den Altar versammeln.
Die älteren Schüler singen, während sich die Schulanfänger zur Segnung um den Altar versammeln.Foto: Thilo Rückeis

Das erste Klassenfoto vorm Altar

„Beschütze die Kinder auf dem Schulweg vor allen Gefahren", liest ein Junge beim Fürbittengebet. Schüler der höheren Klassen haben den Gottesdienst mitgestaltet. Kurz nach dem Vaterunser setzt Leonie schon wieder den Ranzen auf. Und die Klassenlehrer rufen ihre Schüler auf. Leonies Nachname steht im Alphabet unter H. Ein Herr Fuchs schüttelt ihr die Hand. Dann entsteht vor dem Altar das erste Klassenfoto. Der Lehrer muss eine Schneise in die Masse der fotowütigen Eltern schlagen, damit er die Schüler in Zweierreihen durch den Mittelgang ins Schulgebäude führen kann. Dabei halten sich die Kinder an den Händen, nicht eines weint. Das sei voriges Jahr anders gewesen, erzählt Fuchs. „Da wollten drei Kinder bei den Eltern bleiben." Die neue 1Md folgt tapfer ins erste Obergeschoss.

Dort entsteht erstmal Freudentumult und Stimmengewirr, als die 28 Kinder ihre Namen an den Kleiderhaken entdecken. Nun setzen sie sich - auf die kleinen Stühlchen an den niedrigen Tischen, auf denen ihre Namensschilder stehen. Leonie sitzt an einem Gruppentisch mit Lucca, Lana und Simeon. Herr Fuchs steckt seine Hand in den Bauch eines schwarz-weißen Stoffkaters und stellt „Tinto" vor. Fuchs und Kater im Dialog. Tinto spricht mit hoher Stimme, er kann das Alphabet schon. Zu einem Song vom CD-Player rappt der Kater die Buchstaben durch. B wie Banane. J wie Jojo. Ch wie Chinese. Die Kinder sind so gebannt, dass sie ihre Hände sinken lassen, obwohl sie doch den Rhythmus klatschen sollten. „Ihr lernt den Rap auch bald", verspricht Fuchs.

Leonie kann jetzt nicht mehr still sitzen

Er teilt Stundenpläne aus. Der Plan gehört in die gelbe „Postmappe". „Die hab ich aber gar nicht dabei", sagt Leonie in den Raum. Dafür sitze ihr Schlafteddy im Rucksack. „Der wollte unbedingt mitkommen." Die Kinder sollen ihre Schultüten malen. Leonie borgt sich Lilatöne aus dem Stiftebecher, malt ihre Tüte aber dann doch lieber dunkelgrün. Zum Ende der ersten Schulstunde gibt Herr Fuchs jedem Schüler eine Sonnenblume.

Ein Junge mit Star-Wars-Rucksack erklärt sie zum Laserschwert, er schwingt die Blume durch den Raum. „Die schenk ich meiner Mama", sagt ein anderer. Leonie tauscht ihre Blume mit einer Freundin. Die 1Md ist die Sonnenklasse. Andere Schulanfänger tragen gelbe Rosen in der Hand, als sie zu den Eltern in die Mensa zurückkehren. Leonie kann jetzt gar nicht mehr still sitzen. Sie fischt ein Kaubonbon aus der Schultüte, dann rennt in der Mensa die Treppen hoch und runter, springt ihrem Papa auf den Arm und bläst die Wangen auf. Später feiert sie zu Hause noch ein Fest im Garten. Jetzt zählt aber erstmal der Inhalt der Schultüte. Sonst gar nichts.

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