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Tag der Offenen Moscheen in Berlin : "Die türkische Gemeinde gehört zu Deutschland"

Achtzehn Moscheen hatten am Montag in Berlin ihre Türen geöffnet. Besucher konnten an Führungen teilnehmen und über den Islam diskutieren.

von und Lisa McMinn
Gläubige beten in der Sehitlik-Moschee. Auch dieses islamische Gotteshaus war am Montag geöffnet.
Gläubige beten in der Sehitlik-Moschee. Auch dieses islamische Gotteshaus war am Montag geöffnet.Foto: dpa

Vor dem Eingangsportal der Sehitlik-Moschee stapeln sich Schuhe. Im Inneren, auf dem grünen Teppich des Gebetsraums, haben etwa 200 Besucher Platz genommen. Vor ihnen steht Özlem Aktas. In einer Hand ein Mikrofon, in der anderen einen Sender für die Übertragung nach draußen führt sie die Besucher durch die Moschee – und durch den Islam. Fünf Säulen umgeben den offenen Raum – sie stützen die Kuppel. „Sie halten alles zusammen, wie in unserem Glauben”, erklärt Aktas, und meint die fünf Säulen des Islams: das Glaubensbekenntnis, die Pilgerfahrt, das Fasten, die Almosenabgabe und das Gebet.

Seit 1990 ist der 3. Oktober Tag der Deutschen Einheit, seit 20 Jahren ist er auch Tag der offenen Moschee. Im vergangenen Jahr nahmen etwa 1000 islamische Gotteshäuser teil. 100.000 Besucher folgten der Einladung des Koordinationsrats der Muslime. In Berlin, wo rund 250.000 Muslime leben, öffneten in diesem Jahr 18 Moscheen ihre Türen, auch die Sehitlik-Moschee.

Viele Besucher drängen sich in den Innenhof des Gebäudes am Neuköllner Columbiadamm, dahinter rollen Männer auf Longboards Richtung Tempelhofer Feld. Zehntausende feiern am Montag Tag der Deutschen Einheit. Auch am Brandenburger Tor, wo in diesem Jahr nur deutsche Künstler auftreten.

"Die Führungen sind unser Sprachrohr"

Im Kulturhaus der Sehitlik-Moschee sitzt Dieter Schröder neben seiner Frau auf einer niedrigen Sofabank. „Die türkische Gemeinde gehört zu Deutschland, und wir wollen gerne wissen, wie sie ihre Religion praktiziert“, sagt er. Ihm gegenüber steht ein Kachelofen zwischen Bücherregalen. In der Mitte des Raums wird gerade ein Springbrunnen gebaut. Eine Tür führt auf die Dachterrasse.

Dort hat der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse auf einem Hocker in der Sonne Platz genommen und nippt an seinem Mokka. „Dieser Tag ermöglicht es den Berlinern, ihre Neugier zu befriedigen und ihre Vorurteile abzubauen“, sagt er. Zwar habe er schon islamische Gotteshäuser in Kairo oder Istanbul gesehen, die Sehitlik-Moschee sei dennoch etwas Besonderes: „Für deutsche Verhältnisse ist sie besonders prächtig.“ Er hatte zuvor an einer Führung durch die Moschee teilgenommen.

„Die Führungen sind unser Sprachrohr“, sagt der Gemeindevorstand der Sehitlik-Moschee, Ender Çetin. Seine Gemeinde habe nur wenig Möglichkeiten, die Berliner zu erreichen. Deshalb sei der Tag für sie besonders bedeutend. Deren Mitglieder stehen im Hof, an ihrer Brust kleben Namensschilder. „Die Besucher können sie alles fragen“, sagt Çetin. Das sei nötig, Gesprächsbedarf gebe es viel. „Die Konflikte und Vorbehalte werden größer“, sagt Çetin. „In den vergangenen Jahren haben wir immer mehr übereinander statt miteinander gesprochen.“

Gespräche über die Flüchtlingskrise

Dabei haben Muslime, wie alle Deutschen, im vergangenen Jahr die Flüchtlingskrise zu spüren bekommen. Deshalb lautet das Motto des offenen Tages in diesem Jahr „Migration als Herausforderung und Chance“. Tausende Flüchtlinge hätten sich hilfesuchend an Moscheen gewandt, teilt der Veranstalter mit. „Sie fanden dort nicht nur Hilfe, sondern Freundschaft und ein Stück neue Heimat.“ Seither engagierten sich viele Moscheegemeinden bundesweit.

Neben der Flüchtlingskrise bestimmt der Terror die Gespräche an den Ständen im Innenhof der Moschee. Dort können Besucher im Koran oder in der „Islamischen Zeitung“ lesen. Ein Mann bleibt an dem Stand stehen. Er möchte reden – über den Islamischen Staat. „Das ist doch der Wahnsinn“, sagt er zu einem Gemeindemitglied. Ein anderer sagt: „Das ist doch die Religion, die hochgepuscht wird.“ Das Gemeindemitglied lehnt sich von einem Fuß auf den anderen und sagt, dass im Koran stehe, „die Christen sind euch am nächsten“. Der Besucher wirkt zugleich erleichtert und unzufrieden. „So was liest man nie“, sagt er.

Der erste Moschee-Besuch

Als Özlem Aktas im Gebetsraum fragt, wer schon mal in einer Moschee war, melden sich nur wenige. Viele der Menschen sind an diesem Tag zum ersten Mal in einem islamischen Gotteshaus. Aktas erklärt die Architektur, sie zeigt auf die Säulen, die bunten Fenster und den prächtigen Leuchter. Auf dem stehe: „Allah ist das Licht über Himmel und Erde.“

Auch Brigitte Möschner besucht heute zum ersten Mal eine Moschee. Die Rentnerin sagt, sie interessiere sich vor allem für die Rolle der Frauen im Islam. „Ein Kopftuch zu tragen, ist anscheinend nicht zwingend nötig“, sagt Möschner. Aktas, sagt sie, sei eine „weltoffene, junge Frau“.

Wenn Aktas nicht in der Moschee steht, studiert sie Betriebswirtschaftslehre. Seit fünf Jahren betet sie in der Moschee am Columbiadamm. Doch nie im Gebetsraum, sondern stets auf der Empore. Der VIP-Lounge, sagt sie und lacht. Dann schaut sie die Besucher an: „Bei einigen Bewegungen kommt man seinem Vordermann sehr nah, die Trennung ist einfach angenehmer.“

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