"Tag des offenen Kanals" in Berlin : Nur die Ratten lassen sich nicht blicken

Braune Brühe, glitschiger Boden – und es müffelt: Berlins Untergrund wollen sich am "Tag des offenen Kanals" trotzdem viele ansehen.

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Tunnelblick. Berliner konnten am Sonnabend in den Untergrund steigen.
Tunnelblick. Berliner konnten am Sonnabend in den Untergrund steigen.Foto: Mike Wolff

Auf diesem Spazierweg ist es glitschig, es müffelt, und fünf Meter über den Köpfen rollt der Verkehr auf der Kreuzung Martin-Luther-/Hohenstaufenstraße in Schöneberg. 46 gemauerte Stufen führen durch einen Schacht vom Bürgersteig hinab in die Unterwelt. Dort angekommen, öffnet sich eine gewaltige Röhre aus roten Klinkersteinen. 1901 erbaut, alles in bestem Zustand erhalten und gerade jetzt, in den Tagen der Wolkenbrüche, voll in Funktion. Es ist der größte begehbare Regenüberlaufkanal der Stadt, das Vorzeigeobjekt der Berliner Wasserbetriebe. Samstagvormittag drängeln sich hunderte Neugierige am Einstieg. Die Wasserbetriebe lassen tief blicken, sie laden am alljährlichen „Tag des offenen Kanals“ zu einem Spaziergang durch die Röhre ein.

„Was für ein großes Glück“, sagt Wasserbetriebe-Sprecherin Astrid Hackenesch-Rump. Der Sonnabend startet mal nicht mit Sturzregen. Wäre das der Fall, müsste die Erkundungstour abgeblasen werden, weil Schöneberg dann den etwa fünf Meter hohen Kanal voll hätte. Stattdessen beginnt der Abstieg mit Verspätung, Schuld daran ist das Unwetter vom Vorabend. „Wir hatten schon alles so schön geputzt“, bedauert einer der Kanalarbeiter, die den Besuchergruppen voranlaufen. Aber dann rauschte erneute eine braune Sintflut durch den Untergrund, Regenwasser gemixt mit allem, was Haushalte so herunterspülen – und die Männer mit den blauen Basecaps und neongelben Latzhosen mussten am Morgen wieder ran, mit Hochdruckschlauch und Besen. Erst danach dürfen die Gäste kommen.

Sie betreten einen Untergrund mit System. Würde man alle Kanäle Berlins aneinandersetzen, hätten sie eine Gesamtlänge von rund 9400 Kilometern. „Doch man muss differenzieren“, erklärt der Kanalarbeiter. Etwa die Hälfte der Röhren nimmt als Schmutzwasserkanal nur Firmen- und Haushaltsabwässer auf, dann gibt es noch reine Regenwasserkanäle und sogenannte Mischwasserkanäle, in die alles Abwasser strömt. Letzteres „Mischsystem“ wurde noch zur Kaiserzeit im Zentrum von Schöneberg gebaut.

Wächst hier ein künftiger Kanalarbeiter heran?
Wächst hier ein künftiger Kanalarbeiter heran?Foto: Mike Wolff

Wie es funktioniert, sieht man unter der Kreuzung beispielhaft. Von mehreren Seiten münden kleinere Röhren aus Nebenstraßen in einen Sammelkanal. Kniehoch gurgelt die schmutzige Brühe durch eine zwei Meter breite Rinne. Das ist der Normalzustand. Doch bei Sturzregen steigt der Pegel binnen Minuten um mehrere Meter und schwappt über eine Seitenmauer. Dahinter beginnt der Regenüberlaufkanal. Kerzengerade, drei Kilometer lang, bringt er die Wassermassen von der Martin-Luther-Straße zum unterirdischen Rückhaltebecken am Lützowplatz. Erst wenn dieses nicht mehr ausreicht, wird die Flut in den Landwehrkanal geleitet.

Die Besucher haben festes Schuhwerk an. Manche schlittern über die feuchten Bodensteine, halten sich im Bauch der Stadt die Nase zu, aber staunen zugleich „über diese Welt unter dem Asphalt, die man sonst nie zu sehen bekommt“. Etwa 300 Meter bis zur Winterfeldtstraße werden sie geleitet und steigen dort wieder nach oben – zum Durchatmen.

Ratten gesehen? „Keine einzige“, bedauert der zehnjährige Fabian. Die kann er sich aber danach im Kamerawagen der Wasserbetriebe anschauen, ein Laster mit Monitoren im Inneren, dessen Team lenkbare Filmkameras wie Sonden durch die Röhren fährt, um Mängel zu finden. Die Bilder, die sie liefern, erklärt Wasserwerker Mirko Späth. Kürzlich huschte in Falkensee auch eine Wasserratte ins Bild. „Die sieht doch ganz süß aus“, findet Fabian.

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