Tanzshow "Swan Lake Reloaded" : Schwäne auf Drogen

Was machen Prostituierte in Tschaikowskys Ballett? Die neue Show „Swan Lake Reloaded“ kombiniert Klassisches mit Breakdance. Und das funktioniert überraschend gut.

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Tänzerinnen bei der Probe im Admiralspalast.
Tänzerinnen bei der Probe im Admiralspalast.Herbert Schulze/ promo

Tag der Wahrheit. Wenigstens für die mehr als 300 jungen Frauen und Männer, die sich in einem kleinen Innenhof an der Liverpool Road, Islington, Nord-London, scharen. Aus Australien, Italien, Spanien, Skandinavien und natürlich London sind sie gekommen, um vorzutanzen. Sie tragen Jogginghosen, ärmellose T-Shirts, Turnschuhe, dehnen ihre Muskeln, rollen ihren Kopf, schwatzen, geben Luftküsschen und lachen nervös. Vielleicht auch ängstlich, denn an diesem und dem folgenden Tag entscheidet sich, wer auf Tour, wer in Berlin dabei sein wird, die Königinmutter, den Prinz und Rotbart tanzen darf in einer Modernisierung von Tschaikowskys unverwüstlichem „Schwanensee“.

Das ist nun ein halbes Jahr her. Stefan Puxon, 26, ist der neue Prinz. Er ist aus London nach Moskau gereist, zum ersten Mal sieht er die Aufführung des Balletts, geschrieben von einem melancholischen Russen, aufgemöbelt von einem Hip-Hop-begeisterten Schweden und getanzt von elastischen Körpern aus der ganzen Welt. „Swan Lake Reloaded – Streetdance meets Tschaikowsky“, steht auf den Plakaten. Im Mittelpunkt stehen nicht Gesichter, sondern Körper. Wer kann sich wie schnell auf dem Kopf drehen, wie es die Breakdancer mal vor 30 Jahren in der Bronx vormachten? Wer kann Rhythmus und Bewegung so schnell zusammenführen, dass jeder im Zuschauerraum glaubt, die Musik flösse aus diesen Körpern selbst heraus?

Klassik und Hip Hop

Das Team um den Choreografen und Tänzer Fredrik Rydman kombiniert die Originalmusik mit eigens komponierten Elektro-Pop-Fegern und Hip-Hop-Beats. Aus den Schwänen werden in der Neufassung drogenabhängige Prostituierte, die ein Zuhälter namens Rotbart tyrannisiert. Klingt durchgeknallt, funktioniert aber überraschend gut.

Stefan Puxon schaut auf die Bühne, er hört zu Hause Hip-Hop aus den 90er Jahren, Tech-House, also alles, was in den Clubs East Londons gerade wieder die Kids zum Springen bringt, aber hier steht er nun andächtig und schaut zu, wie der weiße Schwan zum ersten Mal den Prinzen trifft. Klassische Musik, eine vorsichtig nach oben schraubende Melodie, ein Dauerbrenner seit der Uraufführung 1877. „Eine wunderschöne Szene“, sagt Puxon.

Dass Stefan Puxon hier dabei sein kann, hat er sich hart erarbeitet. In London hat er mit dem Choreografen Fredrik Rydman Schritte vor einem riesigen Spiegel vorgetanzt. Immer und immer wieder, zwei verschiedene Kurzchoreografien, in Gruppen von fünf bis sieben jungen Männern, manchmal sind sie sich auf die Füße gefallen, meist haben sie nach zwei Minuten den Bewegungsablauf im Blut gehabt, als hätten sie jahrelang nichts anderes getanzt. Puxon trägt raspelkurze Haare, Hosen, deren Schritt so tief hängt, dass man darin eine gesamte Katzenfamilie verstecken könnte. Aber so kann er sich freier bewegen, da reißt keine Naht und platzt kein Stoff. Am Ende des ersten Tages, nach mehr als acht Stunden Casting, bleiben 35 Frauen und Männer übrig. Der Rest geht nach Hause oder auf ein anderes Vortanzen.

„Die Jungs sind meist besser“, sagt Fredrik Rydman am Abend. „Weil es weniger von ihnen gibt, und die meinen es ernst.“ Bei den Frauen hätten einfach zu viele den Traum, als Ballerina auf der Bühne zu stehen – nicht erst seit dem oscarprämierten Film „Black Swan“. Rydman ist fast 40 Jahre alt, was man ihm kein Stück ansieht, Muskeln an den richtigen Stellen, glatte Haut, waches Lachen. Auf der Bühne tanzt er kaum noch, „die Knochen“, sagt er. Das kann kaum glauben, wer gesehen hat, wie er den Kandidaten die Schritte und Drehungen vorgeführt hat.

Beine, scheinbar aus Gummi

Was den Schweden wichtig war: Sie wollten Kandidaten, die mit Breakdance-, Popping- und Locking-Erfahrung hatten. Das sind Bewegungsabläufe, die denen von Robotern ähneln. Stefan Puxon hat für BBC-Shows getanzt, in Videoclips mit britischen Popstars wie Will Young, und auf einem Youtube-Video sieht man, wie er lässig eine Rolltreppe nach oben hüpft. Er grinst, als machte ihm das gar nichts aus, seine Beine scheinen aus Gummi zu sein, sein Basecap hängt ihm schräg über die Stirn. 1,85 Meter pures Vergnügen, der Mechanik ein Schnippchen zu schlagen. Die Treppe fährt monoton nach unten, Puxon springt, hüpft, tanzt nach oben.

„Schon vor dem Casting war ich ein Fan von Bounce“, sagt der Londoner. „Als ich sah, dass Fredrik der Gründer von Bounce war, dachte ich: Da muss ich hin.“ Bounce, das ist der schwedische Tanzexport der vergangenen Jahre. Die Company tourte durch die ganze Welt und brachte den Zuschauern nahe, dass man auch in Stockholmer Vororten zu Beats und noch mehr Beats wie ein Derwisch tanzen kann. So berühmt ist die Truppe in ihrem Heimatland, dass ein Bild von ihnen den Besucher am Flughafen Stockholm empfängt – neben Popstars wie Abba und Roxette.

Am zweiten Tag in London hat Fredrik Rydman aus den verbliebenen Kandidaten drei Tänzer ausgewählt. Warum Stefan Puxon? „Weil er auch verletzlich sein kann, das findet man bei Streetdancern nicht so oft.“ Im September ist Puxon für eine Woche nach Stockholm geflogen, um die ersten Choreografien zu proben. Im November folgte eine zweite Woche und gerade Anfang Februar, bevor die Tour in Deutschland startet, eine dritte. „Sich an alles zu erinnern, wenn die Pausen so lang sind, das ist harte Arbeit“, gibt Puxon zu. Von den Perücken der Schwanen-Darsteller sind ein paar weggeflogen, von Rotbarts Schuhen platzten die Sohlen ab, sonst berichtet er von keinen aufregenden Zwischenfällen.

Und das Training selbst, ist das kein Knochenjob? Musste er nicht öfter ins Fitnessstudio, um Kondition und Kraft zu verbessern. „Ich gehe nicht gern in Studios“, sagt Puxon. „Mit ein paar Freunden treffe ich mich dreimal pro Woche morgens in East London, und wir stellen unseren eigenen Plan auf.“ Und dann rattert er los. Erste Stunde: zehnmal hin- und herrennen, 20 Hocksprünge, wieder rennen, 100 Strecksprünge, zehnmal rennen, 20 Burpees – eine Kombination von Liegestützen und Hampelmann –, Rennen im Vierfüßlergang, 40 Liegestütze, wieder Vierfüßlergang, 40 Armbeugen, fünf Minuten im schnellen Lauf … Stopp, stopp! Allein beim Zuhören bekommt man schon Muskelkater. Stefan Puxon schmunzelt: „Versuchen Sie das mal – und sagen mir, wie es funktioniert.“ Für den Berliner Admiralspalast wird er diese Kondition brauchen.

Swan Lake Reloaded gastiert vom 25. Februar bis zum 2. März im Admiralspalast, Mitte, Karten ab 29 Euro.

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