Tempelhofer Flüchtlingsheim : Die Seelsorgerin aus der Moschee

Karaduman Cerkes kümmert sich um muslimische Frauen im Tempelhofer Flüchtlingsheim. Ihnen fehlte zuvor eine Vertrauensperson.

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Frauen, die sich jetzt trauen. Erst gegenüber Karaduman Cerkes kann so manche Muslima über Probleme sprechen.
Frauen, die sich jetzt trauen. Erst gegenüber Karaduman Cerkes kann so manche Muslima über Probleme sprechen.Foto: Thilo Rückeis

Das Kopftuch der jungen Syrerin ist schwarz-gelb gemustert, ihr Mantel endet an den Knien, die Finger umklammern einen Plastikbecher mit Tee. So steht sie in einem Hangar im Tempelhofer Flughafen, zwischen diesen Not-Unterkünften der Flüchtlinge. Sie mag ihren Mantel nicht, er ist eine Notlösung. Er liegt zu eng an ihrem Körper, er ist unbequem, es sieht nicht gut aus, bloß: Sie hat nichts anderes. Das ist ihr Problem, deshalb ist sie ja so froh, dass Guelhanim Karaduman-Cerkes vor ihr steht. „Bitte“, sagt sie, „ich möchte lange Kleider, ich möchte Kleider für eine Muslima. Das verstehst du doch.“ Ihr Ton hat etwas Flehentliches.

Ja, das versteht Guelhanim Karaduman-Cerkes. Sie trägt selber Kopftuch, sie ist selber Muslima, sie trägt selber lange Kleider. „Ich bringe Dir etwas mit“, sagt sie. Die Antwort ist ein dankbares Lächeln. Dafür ist sie ja gekommen. Um zu verstehen. Um Sorgen und Nöte von Frauen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan aufzunehmen. Um Sorgen zu hören, die diese Frau sonst in sich reinfressen würden. „Die Probleme mit muslimischen Kleidern würden diese Frauen keiner deutschen, ehrenamtlichen Helferin mitteilen“, sagt die 43-Jährige. Es geht um Vertrauen, um das Gefühl, von jemandem aus dem gleichen oder ähnlichen Kulturkreis verstanden zu werden.

Wohlfühlzone in dem Gebäude

Karaduman Cerkes, die geborene Türkin mit deutschen Pass, ist Muslima und kommt aus der Sehitlik-Moschee, dem Gotteshaus gleich neben dem Tempelhofer Feld. Das ist die entscheidende Kombination. Die öffnet ihr den Zugang zum Seelenleben der Frauen in den Hangars. Michael Elias, der Heimleiter, und seine Mitarbeiterinnen kommen nicht an diese Gefühle ran. Sie genießen kein Vertrauen. Deshalb hat Elias die 43-jährige Cerkes gebeten zu kommen. Er kennt sie, weil sie früher schon in der Flüchtlingsunterkunft Jahn-Sporthalle geholfen hat. Dieses Heim steht auch unter Elias’ Leitung. „In der Jahnsporthalle ist alles ziemlich harmonisch“, sagt Cerkes. Ihre Hilfe ist im Tempelhofer Flughafen wichtiger.

Sie hat dort eine Wohlfühlzone für die Frauen in den Hangars eingerichtet. „Frauencafé“ nennt sie es. Es war ihre Bedingung, als sie anfing. Sie wollte einen Raum, in dem sie mit den Frauen allein sein konnte. Das Frauencafé ist nichts anderes als ein Lagerraum im Hangar, so hässlich und nüchtern wie alles in diesem Gebäude, wenn man nichts verschönert. Aber jetzt stehen Sofas in diesem Raum, cremefarbene, schwarze, violette, dazu Couchtische und ein Kommode, auf der eine Lampe steht. Ein emotionaler Farbtupfer in der grauen Hässlichkeit.

Typische Frauenthemen

Er hat keine Türen, der Raum, der Eingang ist meterbreit. Deshalb steht eine große Bücherwand als Sichtschutz. „Damit die Männer nicht reinsehen können“, sagt Guelhanim Karaduman-Cerkes. Hier sind die Frauen unter sich, jeden Dienstag, zwei Stunden lang. Seit Anfang Februar kommt Karaduman-Cerkes jeden Dienstag vorbei, die Frauen wissen im Heim wissen das. Es steht auf Infotafeln und -blättern. Dass Cerkes an diesem Tag, einem Montag, Frauen trifft, ist eine Ausnahme. Sie ist selbstständige Kosmetikerin, sie hat drei Kinder, sie hat nur sehr begrenzt Zeit für diese Arbeit.

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Und wenn sie da ist, „geht um typische Frauenthemen“. Der Wunsch nach muslimischen Kleidern zum Beispiel. „Die Deutschen bringen uns nur kurze Sachen“, sagen die Frauen. Oder Essen entsprechend muslimischer Regeln. Im Tempelhofer Feld gibt kein Schweinefleisch, aber das genügt ihnen nicht. „Die Frauen möchten Fleisch von Tieren, die geschächtet wurden“, sagt Guelhanim Karaduman-Cerkes. Oder sie wollen einen Gebetsraum. Und dann sind da ja noch die sehr sensiblen Themen: Gesundheit, Zweisamkeit, Sexualität, Gewalterfahrungen.

Als Guelhanim Karaduman-Cerkes zum ersten Mal in der Runde saß, mit 25 misstrauischen Frauen, stand auch sie vor einer Mauer. „Stell Dich erstmal vor“, sagten die Frauen. Also erzählte sie. „Ich komme aus der Moschee, ich komme, um euch zu unterstützen“, sagte sie. Mit diesen Worten hatte sie die Mauern eingerissen. „Da fielen mir die Frauen um den Hals. Sie hatten Tränen in den Augen.“ Und dann öffneten sie sich, Guelhanim Karaduman-Cerkes kam es vor, als hätte sie ein Ventil geöffnet. Sie brauchen jemanden, der zuhört, der sich für sie einsetzt und hilft, ihre Wünsche zu erfüllen. Und Guelhanim Karaduman-Cerkes trägt einige Wünsche zur Heimleitung. Mehr kann sie nicht tun, auch das muss sie klar machen.

Raum der Stille im Hangar 1

Und vor allem geht nicht jeder Wunsch gleich in Erfüllung. Muslimisches Essen? Maria Kipp, die Pressesprecherin des Heims, sagt: „Wir suchen berlinweit einen islamischen Caterer. Aber das ist auch ein finanzielles und logistisches Problem.“ Ein Caterer müsse ja in der Lage sein, so viele Menschen zu versorgen. Außerdem, Stichwort: schächten, gelte das Tierschutzgesetz. Und einen Gebetsraum für Muslime? Wird es nicht geben. „In Hangar 1 wird ein Raum der Stille eingerichtet, aber der ist dann offen für alle Konfessionen“, sagt Kipp.

Im Gang zwischen den Unterkünften haben sich inzwischen weitere Frauen und ein paar Kinder um Cerkes gruppiert. Ein Mädchen, ungefähr acht Jahre alt, das die Schuhe seiner Mutter trägt, umklammert die 43-Jährige. Augen strahlen. Solche Umarmungen, sagt Cerkes, „gehören für mich zu den bewegendsten Momenten“.

Allerdings sind die Kinder auch bei den Gesprächsrunden im Frauencafe, und damit gibt’s bei diesen Treffen ein Problem. Die Mütter bringen ihre Kinder mit, weil sie keine Alternative haben. Es sind aber nicht bloß Babys, es sind auch Zehnjährige, die dann bei ihrer Mutter bleiben wollen.

Sensible Sorgen ansprechen

Damit aber sind bestimmte Themen blockiert. „Man redet nicht über Gewalt, Eheleben oder medizinische Probleme vor Kindern“, sagt Guelhanim Karaduman-Cerkes. Viele Mütter gehen nach einer Stunde, weil ihre Kinder partout den Raum nicht verlassen wollen. Bis dahin drehten sich die Gespräche eher um die alltäglichen Sorgen, Kleider, Essen. Die restlichen Frauen haben Glück. Ihre Kinder haben den Raum verlassen, nun kommen die persönlichen Themen.

Schon, um möglichst vielen Müttern die Chance zu geben, diese sensiblen Sorgen anzusprechen, kommt Guelhanim Karaduman-Cerkes nie allein. Viele Flüchtlinge können zwar türkisch, aber eine Dolmetscherin, die Arabisch spricht, ist immer dabei. Zur Karaduman-Cerkes’ Gruppe gehören aber auch noch Helferinnen au der Moschee, die sich um die Kinder kümmern. Sie spielen mit ihnen im Cafe oder nehmen sie mit raus.

Auf dem Gang sieht Guelhanim Karaduman-Cerkes auch eine Frau, die ein bodenlanges, violettes Kleid trägt. Die 43-Jährige mustert das Kleid, lächelt, dann sagt sie herzlich: „Du siehst gut aus.“ Die Frau fällt ihr um den Hals.