Tod am Alex : Der Alexanderplatz macht Angst

17.10.2012 11:51 Uhrvon , , Kerstin Hense, Jan Stremmel
an der Rathaus-Passage nieder. Foto: dpa Foto: dpa
an der Rathaus-Passage nieder. Foto: dpa - Foto: dpa

Durchgangsstätte, ewige Baustelle – und jetzt ein Schreckensort. Am Sonntagmorgen wurde auf dem Alexanderplatz ein 20-Jähriger tot geprügelt. Einfach so. Schon lange haben viele Angst vor diesem städtischen Areal, obwohl hier eigentlich wenige Straftaten passieren.

Sie streift sich die langen roten Haare aus dem Gesicht. Die junge Frau aus der Nachbarschaft. „So eine Feigheit“, sagt sie. „Sie waren so viele und er nur einer.“ Behutsam legt sie eine weiße Rose vor flackernden Kerzen auf dem Gehweg ab. Sie schiebt die Blätter mit den Fingerspitzen zurecht, so dass man den Brief darunter noch lesen kann. „Unfassbar“ steht in großen dunklen Buchstaben auf dem kleinen Stück Papier. Das Wort „Unbegreiflich“ auf einem anderen.

Die Blumen, die Kerzen und Botschaften vor einem Eiscafé markieren ungefähr den Ort, an dem am frühen Sonntagmorgen Jonny K., ein 20-jähriger Berliner, tot geprügelt worden ist.

Nach den Tätern wird derzeit mit Hochdruck gesucht. Und nach Antworten auf die Frage: Warum der Alexanderplatz? Erst kürzlich war dort ein junger Mann niedergeschossen worden. Ist es dieser ewig unvollendete Platz im Herzen Berlins, der die Gewalt heraufbeschwört? Was führt zu dieser Enthemmung?

Am Alex, wie die Berliner diesen Ort nennen, treffen sich die Welten. Etwa 300.000 Menschen passieren Tag für Tag das weitläufige Areal, von dem niemand sagen kann, wo genau es anfängt, der Alexanderplatz zu sein, und wo es endet. Die Rentnerinnen in den schicken Mänteln und dauergewellten Haaren, die Punks in den zerrissenen Jeans, sie alle bevölkern es. Und nichts stimmt. Die Punks grölen „Sieg Heil“, als ein Polizeiauto an ihnen vorbeirollt. An der Weltzeituhr klebt eine Vermisstenanzeige. Jugendliche schreien. Glas geht zu Bruch. Aus den Blumenrabatten stinkt es nach Urin. Obdachlose hocken am Ausgang zum Bahnhof, haben sich unter der Bahnunterführung einen trockenen Platz gesucht und trotzdem in einer Pfütze niedergelassen.

Aufbruch und Scheitern gehören schon immer zu diesem Platz. Wer auch immer am Alexanderplatz angekommen ist, hoffnungsvoll, fast immer ist er gescheitert. Die Revoluzzer von 1848 auf ihren Barrikaden. Die Baumeister der Weimarer Republik. Die sozialistischen Stadtplaner der DDR. Und bis heute der Senat mit seinem Wolkenkratzer-Plan von 1994. Niemand hat es geschafft, die große Leere angenehmer zu machen. Der Alexanderplatz ist Durchgangsort und ewige Baustelle, seit hundert Jahren Projektionsfläche von Architekten, doch immer war die Geschichte schneller als die Baumeister.

Schon in den 20er Jahren soll der Platz zum Verkehrsknotenpunkt der boomenden Hauptstadt werden. Man plant einen modernen Kreisverkehr mit hufeisenförmiger Umbauung. Doch der Plan scheitert an der Weltwirtschaftskrise. Der Architekt Peter Behrens verwirklicht nur Alexanderhaus und Berolinahaus, dann geht den Investoren das Geld aus. Zur selben Zeit lässt der Schriftsteller Alfred Döblin seinen Romanhelden Franz Biberkopf an diesem Ort scheitern. Der freigelassene Totschläger zerbricht an der Großstadt Berlin, deren gewalttätiges Epizentrum der Alexanderplatz ist, bevölkert von Huren, Krüppeln und Säufern. Der Soundtrack des Romans soll für den Rest des Jahrhunderts derselbe bleiben: krachender, kreischender Baulärm.

Nach dem Vorbild des Roten Platzes in Moskau vergrößert man den Platz in den 60er Jahren auf das Vierfache der Vorkriegsfläche. Fernsehturm und Kongresshalle, Centrum-Warenhaus und Interhotel kommen hinzu. Doch auch die DDR schafft es nicht, den Platz zu vollenden. Auch von den zehn Türmen, die der Masterplan von Hans Kollhoff aus dem Jahr 1993 vorsieht, steht bislang keiner. Der Aufbruch lässt auf sich warten.

22 Kilometer vom Alexanderplatz entfernt, in einer grauen Plattenbausiedlung in Spandau, sitzt nun Jonnys Vater Lothar-Günther K. im Kinderzimmer seines Sohnes und entschuldigt sich. „Es ist nicht aufgeräumt“, sagt er leise. Der breitschultrige 69-jährige Mann hat tiefe Ringe unter den Augen. „Ich kann nicht mehr schlafen und nicht mehr essen“, sagt er. Dennoch verschließt er sich nicht der Welt. Er will reden. Reden, obwohl er seine Hände zur Faust ballt, Tränen über sein Gesicht rinnen, sein Körper von Weinkrämpfen geschüttelt wird. Seit jener Nacht stellt er sich immer und immer wieder die gleiche Frage: Warum Jonny? „Er war so ein lieber, hilfsbereiter Junge und immer für alle da.“

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