Tödliche Prügelattacke steht vor der Aufklärung : Gewalttat am Alex: Drei Männer sind noch auf der Flucht

24.10.2012 18:37 Uhrvon
  • In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny. Foto: dpa
    In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny. - Foto: dpa
  • Nach dem Gedenkgottesdienst am Buß und Bettag für den getöteten Jonny entzündet seine Schwester ein Räucherstäbchen am improvisierten Mahnmal am Alexanderplatz. Foto: dpa
    Nach dem Gedenkgottesdienst am Buß und Bettag für den getöteten Jonny entzündet seine Schwester ein Räucherstäbchen am improvisierten Mahnmal am Alexanderplatz. - Foto: dpa
  • Unterstützung erhält Tina K. von Roland Weber, dem Opferbeauftragten des Landes Berlin. Auch er sprach beim Gottesdienst in der Marienkirche. Foto: dapd
    Unterstützung erhält Tina K. von Roland Weber, dem Opferbeauftragten des Landes Berlin. Auch er sprach beim Gottesdienst in der Marienkirche. - Foto: dapd

Update Drei der mutmaßlichen Schläger vom Alex sind gefasst, gegen einen wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. Nach drei Weiteren wird noch gefahndet. Auf die richtige Fährte kamen die Ermittler offenbar durch die Aussagen eines Zeugen.

Die Gewalttat am Alexanderplatz, der der 20-jährige Jonny K. zum Opfer fiel, ist offenbar zu weiten Teilen geklärt. Drei mutmaßliche Schläger befinden sich in Gewahrsam, von drei weiteren Verdächtigen kennen die Ermittler die Namen. Einer von ihnen soll sich jedoch in die Türkei abgesetzt haben. Gegen den bereits gefassten 19 Jahre alten Osman A. wurde am Mittwochabend Haftbefehl erlassen. Er war am Dienstag als Erster von Zielfahndern des Landeskriminalamtes in Wedding festgenommen worden, und zwar in der Nähe eines Weddinger Oberstufenzentrums in der Soldiner Straße.

Ihm werde Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Mittwochabend.

Vermutlich hat diese Festnahme zwei weitere Tatverdächtige dazu bewogen, sich zu stellen – ihnen dürfte klar gewesen sein, dass ihre Festnahme nur noch eine Frage der Zeit ist. Mit ihren Rechtsanwälten meldeten sie sich am gestrigen Vormittag bei der Mordkommission in der Schöneberger Keithstraße. Sie wurden formell festgenommen, nachdem sie zugegeben hatten, an der Attacke beteiligt gewesen zu sein. Am Nachmittag begannen die Verhöre auch dieser beiden Männer. Details zu den Aussagen gab die Polizei nicht bekannt. Das Motiv ist weiterhin völlig unklar. Die Staatsangehörigkeit der Männer ist unbekannt, sie sollen aber alle türkische Wurzeln haben.

Bekannt wurde lediglich, dass Osman A. am Mittwoch sein beharrliches Schweigen gebrochen und Einzelheiten über über die Tatnacht preisgegeben haben soll. Es war der Morgen des 14. Oktober, als vier junge Männer wegen ihrer Alkoholisierung aus dem Club „Mio“ im Berliner Fernsehturm gewiesen worden. Da einer sturztrunken war, setzten ihn seine Freunde auf den Stuhl eines Biergartens. In diesem Moment, es war 4 Uhr früh, näherten sich nach bisherigen Erkenntnissen sechs Männer, von denen einer gegen den Stuhl trat. Daraufhin forderte der 20-jährige Jonny K. die Angreifer auf, von seinem betrunkenen Freund abzulassen. Stattdessen wurde der in Thailand geborene Jonny K. attackiert und ging zu Boden. Nach Polizeiangaben griffen alle Tatverdächtigen „den Mann mit Faustschlägen an und traten in der Folge – nahezu im Kreis um das Opfer stehend – auf den Körper und den Kopf des wehrlos am Boden liegenden Geschädigten ein“.

Jonny K. starb einen Tag später an seinen schweren Kopfverletzungen. Nach Polizeiangaben hatte es zuvor keinen Streit zwischen den Männern gegeben, nicht einmal ein Wortgefecht. Die Tat hatte bundesweite Betroffenheit ausgelöst und zu Diskussionen um Sicherheit in Großstädten, den Umfang der Videoüberwachung und Zivilcourage geführt. Auch Bundespräsident Joachim Gauck hatte ein entschiedenes Einschreiten gegen Gewalt gefordert. Die Menschen dürften „nicht wegschauen“, hatte Gauck am Montag gesagt. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte sich für mehr Videoüberwachung eingesetzt. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) legte Blumen am Tatort nieder – nur wenige Meter vom Roten Rathaus entfernt. Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte in der vergangenen Woche die Familie des Opfers besucht. ´Sein Vater hatte zuvor beklagt, dass er sich von den Behörden allein gelassen fühlte. Die Trauerfeier für Jonny K. soll an diesem Sonntag stattfinden.

Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) lobte am Mittwoch den schnellen Ermittlungserfolg von Polizei und Staatsanwaltschaft. Möglicherweise habe auch die hohe Belohnung geholfen, den Fall so schnell zu lösen. Denn es war ein Zeuge, der die Polizei auf die richtige Spur brachte. Er gab den entscheidenden Hinweis auf die Tätergruppe und nannte laut Heilmann einen Verdächtigen sogar namentlich. Aber erst wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, prüft die Polizei, welchen Zeugen Teile der Belohnung zugeteilt werden. „Aufgrund der Brutalität dieses Verbrechens auf öffentlichem Straßenland“ hatte die Staatsanwaltschaft, wie berichtet, insgesamt 15 000 Euro Belohnung für Hinweise ausgelobt. Insgesamt sind bislang 40 Hinweise eingegangen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass am Ende der entscheidende Hinweis mit der gesamten Summe belohnt wird. 15 000 Euro gelten als außergewöhnlich hohe Summe. Bis ins Jahr 2011 hatten Polizei und Justiz höchstens 5000 Euro bei einem Mord ausgelobt. Seitdem werden zuweilen auch deutlich höhere Summen ausgesetzt und dies auch deutlich schneller als früher. „Das kann hilfreich sein“, sagte Justizsenator Heilmann.

Am Mittwochnachmittag dämpfte das Polizeipräsidium allerdings Hoffnungen, dass auch die restlichen drei Täter noch am selben Tag gefasst werden könnten. Keine Auskunft gibt es außerdem von den Ermittlern, welcher der insgesamt sechs Verdächtigen als Haupttäter beziehungsweise Mitläufer gilt. Nach den bisherigen Erkenntnissen sollen alle Täter gleichermaßen auf das Opfer eingetreten haben. Das würde bedeuten, dass jeder Einzelne als Mittäter gilt und deshalb mit einer Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes zu rechnen hat. (mit dpa)

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