Berlin : Tortenschlacht: Café de France

Matthias Oloew

Zugegeben, die Idee ist nicht gerade naheliegend, ausgerechnet in einem Autohaus Kaffee trinken zu gehen. Aber was soll man machen, wenn die Augen des frankophilen Begleiters leuchten, als er beim Flanieren Unter den Linden irgendwann das Schild mit dem Schriftzug "Café de France" entdeckt? Wer will da hart bleiben, wenn gerade jetzt, in diesem Moment, der Begleiter in Frankreich-Erinnerungen zu schwelgen beginnt, an einen Café Creme denkt, frische Croissants, die Gauloises danach ... Also, hinein in die Peugeot-Avenue, vorbei an den neuesten Modellen des Autoherstellers, die Treppe hinauf, und an einem der gedeckten Tische Platz genommen.

Rot dominiert die Einrichtung des Cafés, das die gesamte Empore einnimmt. Die Idee, die dahiner steckt: Wenn es schon Cafés in allen großen Buchhandlungen der Stadt gibt, warum nicht auch eins in einem Autohaus? Die pragmatische Seite: Was soll Peugeot als Mieter mit einer Empore anfangen, auf der definitiv kein Platz für ein Auto ist?

Es sitzt sich sehr bequem auf den Polstern, die Tische sind schön eingedeckt und statt der obligatorischen Blume gibt es eine ansprechende Kastanien-Deko. Der Service ist freundlich, die Auswahl der Heißgetränke überraschend groß. Milchkaffee (4,50 Mark), klar, aber auch das Kännchen Earl Grey (6 Mark), sonst alles andere als eine Selbstverständlichkeit, ist im Angebot - wenn auch nur als Beuteltee, aber das ist akzeptabel. Kuchen - nunja, da müssen die Desserts von der Speisekarte herhalten. Aprikosen- und Apfeltarte werden auch genau so serviert: mit Deko und Vanillesauce (jeweils 7,50 Mark). Beide Kuchenstücke kommen warm auf den Tisch und sind so, wie man sich eine leckere Tarte als Nachspeise vorzustellen hat: der Boden fest, aber nicht hart, während das Obst auf einem hauchdünnen Cremebett ruht. Das ist lecker und nicht schwer, also eine Kaffeepause, wie man sie sich wünscht, weil auch der Geräuschpegel angenehm gedämpft ist und eine gepflegte Unterhaltung problemlos möglich ist.

Aber es fehlt die typische Café-Atmosphäre. Der Blick auf die Straße ist nur sehr eingeschränkt möglich. Man könnte also bestenfalls die Leute beobachten, die sich unten die neuen Peugeots anschauen. Oder die Touristen, die sich auf die Empore flüchten, weil sie das Kleingeld für die Toiletten auf der Straße gerade nicht zur Hand haben. Das ist, gelinde gesagt, mäßig interessant und auch wohl der Grund dafür, dass wir zu den ganz wenigen Gästen zählen, die sich hierher verirrt haben, obwohl an einem Sonnabend Nachmittag auf dem Boulevard viel Verkehr herrscht. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: In Bücher stöbern und Kaffee trinken - kein Problem. Aber Autos begutachten und Kaffee trinken, das passt nicht zusammen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben