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Trotz Gegenwind : Von Storch wird Spitzenkandidatin der Berliner AfD

Die Berliner AfD stellt ihr Team für die Bundestagswahl auf. Zentrale Themen für die Partei sind der Kampf gegen Islamisierung und die Frage: Wer ist eigentlich das Volk?

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Beatrix von Storch ist zur Berliner Spitzenkandidatin gewählt worden.
Beatrix von Storch ist zur Berliner Spitzenkandidatin gewählt worden.Foto: imago/Metodi Popow

Gerade will der Mann noch mehreren Journalisten seinen Flyer in die Hand drücken, da zieht ihn bereits ein Ordner weg und schiebt ihn in Richtung Ausgang. „Beatrix von Storch liefert unseren Gegnern Argumente“ steht zum Beispiel auf dem Papier. Sie sei eine „Witzfigur mit fragwürdigem Charakter“. Dass einer so gegen die Landeschefin Stimmung macht, das können sie auf dem Landesparteitag der AfD gar nicht gebrauchen.

Seit Wochen gilt es als ausgemacht, dass Beatrix von Storch als Spitzenkandidatin für die Berliner AfD in den Bundestagswahlkampf zieht. Doch nun wagt Ralf Ziegler, so heißt der Mann mit den Flyern, eine Kampfkandidatur – und tritt ebenfalls für den Listenplatz 1 an. Es gehe ihm um Basisdemokratie: So wie die AfD derzeit ihr Personal aufstelle, ähnele das der Praxis in den „Kartellparteien“, schimpft er in seiner Rede. Das ist in der AfD schon ein schlimmer Vorwurf.

Eine Chance gegen die Landeschefin von Storch hat der Mann freilich nicht. Mit 67 Prozent der Stimmen wird sie am Samstag auf Platz 1 der Landesliste gewählt. So richtig zufrieden kann sie mit dem Ergebnis allerdings nicht sein – denn dass ein Unbekannter sie offenbar etliche Stimmen kostet, das sagt einiges über ihren Rückhalt im Landesverband aus.

Storch will Islamisierung zurückdrängen

Dabei ist ihre Bewerbungsrede mittlerweile ganz auf den Geschmack der Parteimitglieder abgestellt. Europa-Kritik – das war einmal. Beatrix von Storch konzentriert sich jetzt vollkommen auf den Kampf gegen die „Islamisierung“. Die sei nämlich nicht nur zu bekämpfen, sondern zurückzudrehen, wettert von Storch vor etwa 300 Parteimitgliedern. Sie wolle diesen Kampf zum Mittelpunkt ihrer Arbeit machen. Denn: „Wie wir mit dem Islam umgehen – diese Frage entscheidet nicht nur darüber, ob wir unsere Kultur bewahren, sondern auch, ob wir unsere Zivilisation behalten.“ Wie genau sie die Islamisierung zurückdrängen will, kann sie später zwar auf Nachfrage nicht beantworten. Sie gibt aber mit ihrer Rede die Richtung vor, mit der die Berliner AfD in den Bundestagswahlkampf starten will.

Beatrix von Storch ist eines der bekanntesten Gesichter ihrer Partei. Sie ist Mitglied im Bundesvorstand und seit 2014 für die AfD im Europa-Parlament. In der Partei gilt sie als Netzwerkerin. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie eine Reihe von Vereinen, mit der sie sich für verschiedene politische Ziele wie direkte Demokratie einsetzt. Die beiden gerieten in der Vergangenheit in den Verdacht, Spendengelder der Organisationen abzuzweigen und illegal Datenaustausch zwischen den Vereinen zu betreiben. Ärger gab es im Bundesvorstand um von Storch 2016, als sie forderte, an Grenzen müsse es gestattet sein, als Ultima Ratio auch auf Frauen und Kinder zu schießen.

Nur wenig Euphorie. Die Berliner AfD-Mitglieder bei der Wahl ihrer Bundestagskandidaten.
Nur wenig Euphorie. Die Berliner AfD-Mitglieder bei der Wahl ihrer Bundestagskandidaten.Foto: Paul Zinken/dpa

Die Stimmung in der Halle im brandenburgischen Paaren in Glien ist nur selten euphorisch. Am Mittag zieht es immer mehr Parteimitglieder nach draußen in die Sonne und auf den Hof, wo frischgeborene Lämmchen und eine Rassekatzenausstellung zu sehen sind. Man sei aus Kosten- und Sicherheitsgründen nach Brandenburg gekommen, sagt Parteisprecher Ronald Gläser. Offenbar hat die Partei nach der Höcke-Rede aber auch einige Absagen erhalten.

Insgesamt 30 Kandidaten bewerben sich um die Listenplätze zwei bis fünf. Bei einer Rede- und Antwortzeit von je acht Minuten schleppt sich die Vorstellungsrunde hin – bis zum Abend standen noch nicht alle Listenplätze fest.

Laut wird es in der Halle vor allem, wenn ein Satz der Kanzlerin von vor etwa einer Woche zitiert wird: Das Volk sei jeder, der in Deutschland lebt. In seiner Rede zu Beginn des Parteitages wettert Landeschef Georg Pazderski: „Für uns sind weder zugereiste spanische Internetexperten oder illegale Zuwanderer noch geduldete Flüchtlinge Teil des Volkes.“

"Wir wollen Deutschland verändern"

Auch zahlreiche andere Listenanwärter machen die Frage der Volkszugehörigkeit zum Thema. Lauten Applaus und Standing Ovations für seinen Beitrag bekommt der Physiker Gottfried Curio, der für die AfD im Abgeordnetenhaus sitzt und als hochintelligent gilt. Er zeichnet ein Schreckensszenario: In seinen Augen ist Deutschland von der Auflösung bedroht – durch „EU- und Europolitik von außen, Überfremdung von innen, verbunden mit einer demnächst massenhaften doppelten Staatsbürgerschaft.“ Curio kommt schließlich auf Listenplatz zwei.

Überraschend bewerben sich neben Curio noch sechs weitere Mitglieder des Abgeordnetenhauses für vordere Listenplätze – dazu zählen Hans-Joachim Berg, Harald Laatsch und Kristin Brinker. Sogar AfD-Fraktionschef Pazderski, der selbst eine Zeit lang für die Bundestagsliste kandidieren wollte, sagt, er habe sich über die ein oder andere Kandidatur gewundert. Brinker zum Beispiel hatte ihr Interesse zuvor nicht öffentlich gemacht. Der Bundestag scheint einigen dann doch reizvoller als das Berliner Parlament zu sein. Laatsch sagt in seiner Rede: „Wer von uns ist wegen Schlaglöchern in die AfD eingetreten? Wir wollen Deutschland verändern.“

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