Berlin : Türkische Verbände helfen Frauen in Not

Annette Kögel

In Berlin gibt es eine neue Offensive zur Rettung von Frauen aus Zwangsehen und vor Gewalt. Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) hat dem neuartigen Hilfsverein „Hatun und Can e.V.“ mit anonym engagierten Deutschtürkinnen jetzt eine umfassende Kooperation zugesichert. Zudem will der TBB seine Aufklärungsprojekte für Eltern und Schüler gegen gewaltbetonte Erziehung ausweiten, kündigte Eren Ünsal an, Sprecherin des TBB sowie frauenpolitische Expertin der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Vereinsgründer Andreas Becker (Name geändert) und Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates appellierten an die Berliner Behörden, dass sie weit schneller und unkonventioneller helfen müssten.

Der Verein „Hatun und Can“ hat sich, wie berichtet, anlässlich des zweiten Todestags von Hatun Sürücü gegründet. Die 23-jährige Mutter des kleinen Can war von ihrem jüngsten Bruder am 7. Februar 2005 erschossen worden, weil sie „zu westlich“ lebte. Rechtsexperte Andreas Becker, Organisator des Vereins, kannte Sürücü gut, er beriet sie bei Behördengängen. Das Problem sei, dass es zwar viele gute Hilfsvereine wie „Papatya“ oder „Miles“ oder die BIG-Rufnummer gegen häusliche Gewalt gebe. Doch sie könnten anders als „Hatun und Can“ nicht sofort konkret mit Geld für Zugticket oder Miete helfen. Viele der Frauen in Lebensgefahr seien Mütter ohne eigenes Einkommen, und bis Ämter die dringend benötigten Zuschüsse zu Ticket, Umzug, Miete oder Möbel bewilligen, „kann es schon zu spät sein“, sagt Becker.

„Betroffene Frauen müssen ganz schnell ganz weit weg, und da arbeiten die Ämter viel zu langsam und unflexibel. Der Verein leistet Hilfe genau dort, wo sie gebraucht wird“, sagt Seyran Ates. Deshalb klinkt sich jetzt der TBB ein. „Wir wollen dem Verein Räume zur Verfügung stellen, ihn beim Postversand und personell etwa mit Dolmetschern unterstützen“, sagt Eren Ünsal. Zudem werde der TBB im persönlichen Gespräch bei türkischen Unternehmern um Spenden werben. Taciddin Yatkin, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde zu Berlin, sagte, man werde prüfen, wie genau die Türkische Gemeinde den Verein unterstützen kann.

„Hatun und Can“ konnte bislang vor allem dank Spenden von Tagesspiegel-Lesern, die nach der Berichterstattung spontan Geld überwiesen, tätig werden – und zwei jungen Deutschtürkinnen aus größter Not helfen. Der Verein ermöglichte einer misshandelten Frau den Wegzug. Eine junge Kurdin, die sogar ihren Namen ändern ließ, konnte innerhalb einer Woche der Start in ein neues Leben ermöglicht werden: Der Verein Papatya hatte für sie bei „Hatun und Can“ um Hilfe ersucht, jetzt zahlt der Verein der Frau, die eine Stelle als Verkäuferin sucht, die ersten Möbel in der neuen Heimat.

Durch die öffentliche Diskussion wagten inzwis+chen immer mehr Frauen, das Tabu zu durchbrechen und Hilfe zu erbitten, bestätigten Verein, TBB und Ates. Laut Schätzungen sind in Berlin 300 Frauen zwangsverheiratet. Im vergangenen Jahr gab es 12 522 Fälle häuslicher Gewalt, 30 Prozent der weiblichen Opfer waren Migrantinnen.

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