Tumorkonferenzen : Das virtuelle Krankenbett

Krebspatienten, deren Fall in einer Tumorkonferenz besprochen wird, haben Glück. Hier suchen Ärzte nach der besten Therapie für sie. Protokoll eines Besuchs in Neukölln.

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Maike de Wit, Chefärztin der Onkologie am Vivantes Klinikum Neukölln, leitet die Konferenz.
Maike de Wit, Chefärztin der Onkologie am Vivantes Klinikum Neukölln, leitet die Konferenz.Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Als Nächstes Nummer 15. Da ist die Frage, ob die Patho fertig ist.“ „Noch nicht.“ „Dann haben wir Nummer 20.“ Hinter der unscheinbaren Tür mit der Aufschrift „Hörsaal“ geht es um Menschenleben. Und zwar um viele, den ganzen Nachmittag lang. Nummer 15 und Nummer 20 sind Tumorpatienten. Keiner von ihnen ist persönlich anwesend, stattdessen sind rund ein Dutzend Mediziner bei der Interdisziplinären Tumorkonferenz im Vivantes Klinikum Neukölln versammelt. Tumorkonferenzen sind inzwischen in den meisten Krankenhäusern, die Krebspatienten behandeln, üblich. Allein in den Berliner Vivantes-Kliniken fanden 2015 fast 500 statt, Tendenz steigend. In Neukölln ist es an diesem Tag schon die zweite. Bei einer solchen Konferenz planen Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam die Behandlung bei bösartigen Erkrankungen. Das können außer Onkologen auch Chirurgen, Gynäkologen und Urologen sein, Radiologen, Strahlentherapeuten und Pathologen.

Wer ein solches Treffen zum ersten Mal erlebt und kein Mediziner ist, versteht wenig. Diskutiert wird in einer eigenen Sprache aus Fachbegriffen und Abkürzungen wie „PET/CT“, „Patho“, „Histo“, „metastasenverdächtige Läsionen“, „Teratom“, „AFP und Beta-HCG müssen noch bestimmt werden“. Wenn man glaubt, halbwegs verstanden zu haben, worum es gehen könnte, sind die Ärzte schon fast mit dem nächsten Patienten durch. Zugegeben, den Mini-Dialog über Nummer 15 und Nummer 20 aus dem Zusammenhang zu reißen und an den Anfang dieses Textes zu stellen, ist ein wenig unfair den Ärzten gegenüber. Sie versuchen die richtige Diagnose und die beste Behandlung herauszufinden. Aber es gibt doch einen Eindruck davon, unter welchem Hochdruck die Liste abgearbeitet wird, auf der auch Patienten aus Kliniken außerhalb Berlins stehen. Die meisten aber nennen die Ärzte beim Namen und schenken ihnen mehr Aufmerksamkeit als der Nummer 15 an diesem Nachmittag, die erst zwei Arbeitstage zuvor operiert wurde. An einem anderen Tag wird auch dieser Fall noch einmal ausführlich besprochen.

Die Atmosphäre: manchmal locker, manchmal angespannt

Im Hörsaal herrscht eine merkwürdige Atmosphäre, manchmal locker und fast familiär, oft aber auch angespannt und konzentriert. Irgendwo zwischen Team- Meeting, Uniseminar und Gerichtsverhandlung. Die Sitzordnung erschließt sich auf den ersten Blick: Ganz hinten, mit dem Rücken am Fenster, nehmen Medizinstudenten und Assistenzärzte Platz, sie sind nur zum Zuhören und zur Weiterbildung dabei. In der Mitte sitzen die behandelnden Ärzte auf hölzernen Seminarraumstühlen und tragen ihre Fälle vor wie Staatsanwälte dem Richter. Und an einem L-förmig zusammengestellten Tischensemble mit dem Rücken zu den Wänden sitzen Maike de Wit, Chefärztin der Onkologie im Klinikum Neukölln, die die Tumorkonferenz leitet, sowie die Pathologie- und Radiologie-Spezialisten. De Wit sitzt dem „Publikum“ gegenüber, Chefpathologe Hermann Herbst und Radiologin Anja Reimann mit Blick auf ihre Profile.

Vor Hermann Herbst, der eine zierliche Goldrandbrille trägt, steht ein Mikroskop. Dadurch kann er Gewebeproben der Patienten sehen, die „Patho“ oder „Histo“ werden an die Wand projiziert – direkt neben die Röntgenaufnahme des betroffenen Organs. Oft sehen sich die Mediziner sogar mehrere Organe nacheinander an. Immer wieder wird auch ein sogenanntes PET/CT projiziert, ein Fusionsbild aus zwei unterschiedlichen bildgebenden Untersuchungsverfahren: der Positronen- Emissions-Tomografie (PET) und der Computer-Tomografie (CT). Doch oft entscheiden die Ärzte erst in der Konferenz, ob so ein Bild überhaupt gemacht werden soll. Pathologe Herbst sagt Dinge wie: „Da ist der Tumor“ und bewegt den Curser- Pfeil auf der Projektion hin und her. Zu sehen ist eine Vergrößerung der Zellen des betroffenen Organs. Laien sehen hier nur ein abstraktes Kunstwerk.

Auf den Tischen, die die lange Seite des L bilden, stehen so viele Monitore, dass man erst gar nicht zuordnen kann, welche davon nun zu Herbst, zur Radiologin Reimann mit der roten Brille oder zur Assistentin gehören. Reimann misst zum Beispiel die Größe eines Tumors auf Aufnahmen von verschiedenen Untersuchungstagen, um festzustellen, ob der Tumor gewachsen ist. Die Assistentin notiert gewissenhaft, was De Wit und die anderen Ärzte über die Patienten sagen – in einem virtuellen Krankenblatt, das ebenfalls an die Wand projiziert wird. Der ganze Saal wird zu einem interaktiven 3-D-Krankenblatt des jeweiligen Patienten.

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