U-Bahnhöfe in Berlin : Im U-Wald

„Einsteigen, bitte! Zurückbleiben, bitte!“ Ab geht’s in den Tunnel. Im Untergrund interessiert architektonische Finesse die wenigsten. Dabei spiegeln die teils grandiosen, teils bizarren Bahnhöfe mehr als 100 Jahre Berliner Baugeschichte. Zeit für eine Fahrt durch die Jahrzehnte – und eine Stationen-Stilkritik.

Tilman Strasser
"Einsteigen, bitte!" Ab geht's in den Tunnel. In den Berliner U-Bahnhöfen spiegeln sich mehr als 100 Jahre Baugeschichte. Zeit für eine Fahrt durch die Jahrzehnte!Weitere Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
12.12.2014 17:52"Einsteigen, bitte!" Ab geht's in den Tunnel. In den Berliner U-Bahnhöfen spiegeln sich mehr als 100 Jahre Baugeschichte. Zeit für...

Hinab
Heute: nur Bahnhof verstehen. Genauer gesagt: Bahnhöfe. Ganz genau: U-Bahnhöfe.

In die Höhe bauen, auf ebenem Grund, das kann jeder. Am Rosenthaler Platz wenigstens, an der Kreuzung, die schon frühmorgens ungehemmt lärmt, ragen die Gebäude stolz in den Himmel. Unten aber herrschen strenge Gesetze: Längen- und Höhenvorgaben wollen eingehalten, Funktionalitäts- und Sicherheitskriterien erfüllt sein.

Mit nichts als Säulen, Wand und Wölbung glänzen, dem dunklen Schacht architektonische Leuchtkraft zu schenken: eine Herausforderung. Wer sich ihr stellt, prägt einen Teil des Stadtbilds, der selten den Weg auf Ansichtskarten findet, häufig aber in den Alltag der Bewohner. Wäre es nach der Stadtverwaltung gegangen, wäre auch das nie passiert: „Der Bau von Untergrundbahnen ist bei den geologischen Voraussetzungen in Berlin nicht durchführbar“ – diese Begründung schmetterte 1891 den ersten Vorstoß ab.

Elf Jahre später (und nachdem sich London, Budapest und Paris eine Untergrundbahn geleistet hatten, ohne zu versinken) war es doch so weit: Mit der Eröffnung der ersten Stationen (Görlitzer Bahnhof, Schlesisches Tor, Hallesches Tor, Prinzenstraße, Osthafen/ursprünglich Stralauer Tor) begann im Februar 1902 die Geschichte der Berliner U-Bahn – wenn auch paradoxerweise erst einmal oberirdisch, sogar auf Stelzen. Bis heute wird sie fortgeschrieben, immerhin wurden erst 2009 mit der Inbetriebnahme der U 55 die jüngsten Bahnhöfe eröffnet. Die nächsten werden es voraussichtlich 2019, mit der Vereinigung von U 55 und U 5. Zeit für eine Erkundung, von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Der Obdachlose, der die Gegend durchstreift und dabei immer denselben Liedanfang singt, steht an der Treppe und verlangt Aufmerksamkeit. Keine Zeit, hinab, hinunter. Die Stadt will von ihren befahrbaren Wurzeln her verstanden werden. 139 unterirdische Stationen, zehn Linien, ein Netz von 146 Kilometern Länge. Also los: Einstieg in den Untergrund: kein Tageslicht, keine Frischluft, dafür Neonröhren, Feinstaub. Bewusst nicht enzyklopädisch oder geografisch vorgehen – einfach den Dekaden und der Nase nach!

Mattgold. Die Tafeln im Bahnhof Nollendorfplatz erinnern - sehr diskret - an seine Eröffnung im Jahr 1902, dem Geburtsjahr der Berliner U-Bahn.
Mattgold. Die Tafeln im Bahnhof Nollendorfplatz erinnern - sehr diskret - an seine Eröffnung im Jahr 1902, dem Geburtsjahr der...Foto: Thilo Rückeis

Hit the Road
9:00 Uhr, Nollendorfplatz, Baujahr 1902
  Matt, verkratzt und mit Grünstich: Die Goldfläche fällt kaum auf. Das Quadrat auf der Wand adelt alle Bahnhöfe, die im Geburtsjahr der U-Bahn eröffneten. Strenggenommen eröffnete hier 1902 nur das Hochbahngleis, auf dem heute die U2 verkehrt: Damals mit einer imposanten Kuppel überdacht, wurde der Fahrtbetrieb später in zweckmäßiger Nachkriegsarchitektur fortgesetzt. Jetzt: grauer Stein, von schwarzem Stahl überdacht. Vor der Fensterfront ist Schöneberg auch noch nicht wach, durch den oberirdischen Schacht von einem Bahnsteig fegt ein eisiger Wind. Wer einen hat, schlägt den Mantelkragen nach oben und eilt ins Zwischengeschoss.

Das wirkt vertraut: Alfred Grenander heißt der schwedische Architekt, der bis 1931 seine Vorliebe für genietete Stützen und farbig gebrannte Wandfliesen an rund 70 Berliner Bahnhöfen ausließ. Mit ihren individuellen „Kennfarben“ sollten sich die Stationen leicht voneinander unterscheiden lassen. In diesem Fall haben die Fliesen Charme und Koloration einer vertrocknenden Moorlandschaft. Dabei ist der Nollendorfplatz nicht nur einer der ältesten, sondern auch der einzige Bahnhof im Netz, auf dem sich vier Linien treffen. Die Tunnel für U1, U3, U4 tragen Kacheln in Zitronengelb und Blautönen, was hauptsächlich bemerkenswert ist, weil es sich mit der moorigen Innengestaltung des Eingangsbereichs beißt. Unter der quadratischen Goldfläche lungern inzwischen drei Jungs, etwa sechzehn, und ärgern die Passanten, die über ihre ausgestreckten Beine steigen müssen. Zu dritt pfeifen sie „Hit the Road Jack“, Percy Mayfields Evergreen, den jeder Nahverkehrsnutzer in Saxofonversion mit abschließender Bitte nach ein paar Cents kennt. Was sie hier machen? „Pfeifen.“ Und sonst? „Alter, was soll man hier sonst machen?“

8 Kommentare

Neuester Kommentar