Berlin : Ufos im Wilden Westen

Revolverhelden treffen Außerirdische: Daniel Craig und Harrison Ford kamen zum Filmstart von „Cowboys & Aliens“ nach Berlin und erklärten den Reiz, Genregrenzen zu überschreiten

Andreas Conrad
Eben noch in Locarno, jetzt schon in Berlin: Daniel Craig und Harrison Ford absolvieren derzeit einen Premierenmarathon.
Eben noch in Locarno, jetzt schon in Berlin: Daniel Craig und Harrison Ford absolvieren derzeit einen Premierenmarathon.Foto: dpa

„Old Texas Town, die Westernstadt, liegt mitten in Berlin“ – so besangen schon vor gut 30 Jahren die Country-Barden von Truck Stop die kleine Siedlung des Cowboy Clubs Old Texas in Siemensstadt. Am Montag bekamen die Spandauer Holzhäuser Konkurrenz am Potsdamer Platz: Unter dem Sony-Zeltdach, vor dem Cinestar, war am Rande des dort üblichen roten Teppichs eine kleine Westernszenerie aufgebaut, eine fast filmreife Kulisse aus Saloon samt diverser genreüblicher Utensilien wie Holzfässer, Wagenräder, Sattel – all solche Dinge. Nur ein paar Felsen, aus denen metallisch schimmernde Trümmer eines libellenhaft-futuristischen Fluggeräts ragten, passten nicht ganz zur Szenerie. Aber das lag am Film, der dort am Abend Deutschlandpremiere feierte und die Genre-Ambivalenz bereits im Titel trägt: „Cowboys & Aliens“.

Solch ein Saloon, selbst wenn es hinter der Schwingtür keinen Whisky gibt, eignet sich trotzdem hervorragend fürs Posieren vor den Fotografen. Sie sollten gut zu tun haben am Abend, mit Daniel Craig und Harrison Ford als obersten Pistoleros, assistiert von der ebenfalls sehr treffsicheren Olivia Wilde und Regisseur Jon Favreau, der mit Western keine Erfahrung vorzuweisen hatte, aber mit „Iron Man“ und „Iron Man 2“ hinreichend bewies, dass er mit monströsen Kampfmaschinen umzugehen versteht.

Ein langer Tag der Interviews lag hinter den vieren, Stunden um Stunden in wechselnden Suiten des Adlon, und in allen Gesprächen dürfte es um den seltsamen Genre-Mix gehen, den sich der Comic-Autor Scott Mitchell Rosenberg für seine gleichbetitelte Graphic Novel ausgedacht hat und der nun, unter anderen durch Steven Spielberg als ausführendem Produzenten, fürs Kino adaptiert wurde: Ein Fremder (Daniel Craig), der sich im New Mexico des Jahres 1875 in ein gottverlassenes Kaff namens Absolution verirrt und seine Vergangenheit komplett vergessen hat, ein despotischer Viehbaron (Harrison Ford), der mit ihm noch eine ziemlich hohe Rechnung offen hat, eine rätselhafte, über die Vergangenheit des Fremden irgendwie informierte Schönheit (Olivia Wilde) – und plötzlich wie aus dem Nichts bizarre Kampfmaschinen mit eklig-glitschigen Aliens, die technisch überlegen, aber zum Glück nicht unverwundbar sind.

Sicher werden Western- wie auch Science-Fiction-Fans jede Menge Anspielungen und Anleihen erkennen, so hatte etwa Spielberg vor dem Drehbeginn eine Vorführung von John Fords „The Searchers“ arrangiert, und Daniel Craig, ohnehin ein Freund von „Butch Cassidy and Sundance Kid“, hatte sich zur Vorbereitung auf seine Rolle massenhaft Western angesehen, mit John Wayne natürlich, obwohl er Spätwestern wie „Little Big Man“ vorzieht. Ohne Weiteres gibt er zu, dass seine „Figur fast komplett auf dem Schweigen von Clint Eastwood“ basierte, während Regisseur Favreau Craigs Spiel eher an Steve McQueen erinnerte: „Er hat jene raue, attraktive Qualität.“ Und dann diese Wortkargheit! „Normalerweise kann gar nicht genug geredet werden in meinen Filmen, aber das wäre in diesem Fall grundverkehrt gewesen: Die Action ist hier das, was in anderen Filmen der Dialog ist.“

Manch einen Zuschauer mag die Verbindung von Science-Fiction und Aliens mit Wildwesthelden irritieren, den Regisseur hat gerade dies aber gereizt: „Durch die Gegenüberstellung der klassischen Form beider Genres wollte ich etwas Neues und Aufregendes erschaffen. Ich bin überzeugt, dass die Menschen großes Verlangen nach solchen Ideen haben“, erklärte er im Vorfeld der Premiere. Dieser Genre-Mix sei nicht ohne Ironie und Humor, aber diese entstehen für ihn aus der Gegenüberstellung, nicht etwa durch eine parodistische Erzählweise, die auch denkbar gewesen wäre, die er aber bewusst vermied. Von dem seit einigen Jahren vorbereiteten Projekt hatte er während der Dreharbeiten zu „Iron Man 2“ erfahren und sich gleich für die Regie interessiert. Natürlich ist er mit seiner Schauspielerriege hochzufrieden, sicherte sie doch schon durch die Prominenz der Hauptakteure hohe Aufmerksamkeit. Und während Favreau gleich zu Beginn des Castings Daniel Craig als einen wiedergeborenen Steve McQueen fand, glaubt er in Harrison Ford eine Art „Duke“ in seiner Truppe zu haben: „Für meine Generation ist er wie John Wayne. Wenn die Menschen im Kino sitzen, bringen sie alle ihre bisherigen Erfahrungen mit, um einen Film zu sehen. Man kann einen Schauspieler nicht von seinem Gesamtwerk trennen.“ So spielen eben auf der Leinwand irgendwie auch James Bond, Han Solo wie auch Indiana Jones mit – und in der Person Olivia Wildes natürlich „Dr. Dreizehn“ aus der Serie „Dr. House“.

„Cowboys & Aliens“ kommt am 25. August in die deutschen Kinos.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben