Berlin : Umbau der Staatsbibliothek: Büchereien im Ausnahmezustand

Amory Burchard

Lesende Berliner haben es schwer in diesem Sommer. Nahezu alle großen Bibliotheken haben ihre Säle geschlossen, die Öffnungszeiten verkürzt, die Ausleihe eingeschränkt oder eingestellt. Am gravierendsten sind die Einschränkungen in der Staatsbibliothek. Hier sind der allgemeine Lesesaal im Scharoun-Bau in der Potsdamer Straße bis Mitte Oktober geschlossen und die Öffnungszeiten um zwei Stunden verkürzt. Plätze gibt es nur noch in den Sonderlesesälen oder in der provisorisch bestuhlten Vorhalle. Die Presslufthämmer, mit denen der Estrich aufgestemmt wird, um neue Kabel zu verlegen, lärmen zwar nur nachts. Aber tagsüber wird gesägt und gebohrt.

Im historischen Haus Unter den Linden stehen weitaus weniger Plätze als in der Potsdamer Straße zur Verfügung. Und auch dort stört der Baulärm der seit vier Jahren laufenden Sanierungsarbeiten. Trotz der verringerten Kapazitäten sind in beiden Häusern viele Plätze frei. Die Zentral- und Landesbibliothek mit zwei Standorten in der Breiten Straße (Mitte) und in der Amerika Gedenkbibliothek (Kreuzberg) kann vom 18. August bis 15. September nichts ausleihen, weil das EDV-System modernisiert wird.

Auch in der Bibliothek der Humboldt-Universität (HU) herrscht Ausnahmezustand. Die auf der Rückseite der Stabi Unter den Linden gelegenen Räume sollten eigentlich vom 16. Juli bis zum 1. September geschlossen sein. Grund ist der Umzug von 1,5 Millionen Bänden in das neue Speichermagazin im ehemaligen Borsigwerk am Eichborndamm. Jetzt musste die Schließung auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Die Berliner Möbelspeditionsfirma Grohmann Attollo hat mit Erfolg gegen die Vergabe des Umzugsauftrages an die Kerpener Firma Gottschlak Einspruch erhoben. Das ist nach dem europäischen Vergaberecht möglich. Tatsächlich erlegte die Vergabekammer des Landes Berlin der HU auf, die Bewerbungen neu zu bewerten. Die Uni entschied sich wieder für Gottschlak, die den Umzug für 450 000 Mark machen will. Grohmann Attollo klagte wieder, "weil wir den günstigeren Preis angeboten haben und uns ungerecht behandelt fühlten", wie es aus dem Firmensitz in Weißensee heißt.

Die HU will sich nicht zur Kritik des Bieters äußern. Man habe der Vergabekammer jetzt eine ausführliche Begründung der Entscheidung für die bevorzugte Firma geschickt und hoffe auf eine schnelle Entscheidung, sagt der stellvertretende Bibliotheksdirektor Norbert Martin. Denn jeder Monat, den ein Teil der Bücher und Akten noch im alten Magazin am Salzufer (Charlottenburg) liegen, kostet 60 000 Mark; die Lagerung am Eichborndamm wäre kostenfrei. Die Konkurrenz verurteilt die Intervention der Grohmann-GmbH. Die Firma habe aber auch schon andere Prozesse gegen Mitbewerber verloren. Problematisch wird der verzögerte Umzug auch für die Leser: Anfang Juli konnten Bücher bis November ausgeliehen werden. Tausende Bände sind jetzt blockiert, obwohl die Bibliothek zunächst geöffnet bleibt.

In den Häusern der Zentral- und Landesbibliothek sind die Ausleihfristen ebenfalls verlängert worden. Wer bis zum 17. August kommt, kann Bücher, Videos und andere Medien für sechs Wochen mitnehmen - bis die neue EDV läuft.

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