Umbenennung von Straßennamen : Pankower wollen ihre Berliner Straße nicht abgeben

Die Stadt hat zehn Straßen, die nach ihr benannt sind. Die in Pankow soll bald nicht mehr dazugehören und künftig nach dem letzten Ost-Bürgermeister heißen. Die Pankower sind wütend – dabei ist der neue Name durchaus klangvoll.

Veronique Rüssau
Links Frau Stahmer, rechts Herr Tino Schwierzina. Hier 1990 bei einem Termin, man ahnt es, im Bahnhof Zoo.
Links Frau Stahmer, rechts Herr Tino Schwierzina. Hier 1990 bei einem Termin, man ahnt es, im Bahnhof Zoo.Foto: Imago

Die Berliner Straße in Pankow-Heinersdorf steht dem herben Charme, der Berlin insgesamt nachgesagt wird, keineswegs nach. Geprägt von Kleingartenanlagen und den in der Mitte der Straße verlaufenden Straßenbahnschienen der Linie M2, gibt es hier nur wenige Wohnhäuser, außerdem eine Tankstelle, ein Autohaus. Wer hier lebt und arbeitet, hat aktuell nur ein Gesprächsthema: die Umbenennung der Straße in Tino-Schwierzina-Straße. Tino wer?
Die Menschen sind wütend auf den Bezirk Pankow.

Denn die Berliner Straße soll nach dem ersten frei gewählten Bürgermeister Ost-Berlins benannt werden. Er hatte bei der Vereinigung der Stadt eine große Rolle gespielt – und soll nun wenigstens diese kleine Straße am Stadtrand bekommen, findet das Bezirksamt. Anwohnern wurde deshalb in einem Brief mitgeteilt, dass die Umbenennung im Dezember geschieht. „Eine Absichtserklärung des Bezirks hat es schon im März gegeben“, sagt Pankows umstrittener Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) auf Nachfrage. Und die Bezirksverordnetenversammlung Pankow habe bereits zugestimmt.

Im Mai 1990 wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister

Wer aber nicht zugestimmt hat, sind die Anwohner – müssen sie auch nicht. „In der Sache diskutieren wir nicht“; darauf beharrt Kirchner. Das sei der Person Schwierzina nicht würdig. Und nachdem „jede angebrannte Schrippe in der Regel zu einer Protestbewegung“ führe, diese nach der Absichtserklärung aber ausgeblieben sei, sei das jetzt beschlossen, findet Kirchner.

„Das wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden“, sagt Anwohnerin Katrija Lehmann. „Ich denke, es wurde unsere Straße ausgewählt, weil hier nicht sehr viele Menschen leben, die sich sonst wehren.“ Ein Nachbar fügt hinzu: „Ich habe einen Brief an das Bezirksamt geschrieben und protestiert.“ Jetzt brauche er einen neuen Personalausweis, alle Versicherungen müssten umgemeldet werden. Immerhin trage der Bezirk die Kosten. „Ich verstehe eines nicht“, wirft seine Frau ein. „Wenn sie Tino Schwierzina ehren wollen, warum dann nicht auf einer größeren, bedeutsameren Straße?“ Auch im Ford-Autohaus herrscht keine Freude. „Firmenpapier, Visitenkarten, alles muss erneuert werden“, sagt Mitarbeiterin Annett Heinrich. Sie und ihre Kollegen hätten bei einer Unterschriftenaktion gegen die Umbenennung mitgemacht.

Die Umbenennung ist für 2014 geplant

Die Berliner Straße ist keine Prachtallee. Eine Hochspannungsleitung verläuft hier, alle paar Minuten fliegt ein Flugzeug drüber. Über weite Teile sieht man Schrebergärten, Straßenbahnschienen. Hier ein Industrieschornstein, dort ein verfallener Wasserturm. Ob Schwierzina sich geehrt fühlen würde, dieser Straße seinen Namen zu leihen? Die Umbenennung ist nun erst für Juni 2014 geplant; Schwierzinas Witwe wird kommen.

Tino Schwierzina lebte als Justitiar in der DDR, wurde 1989 Gründungsmitglied der Ost-SPD. Im Mai 1990 wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister, was er aber nur bis Januar 1991 blieb. Im Brief an die Anwohner schreibt Kirchner, die Berliner Straße sei wegen „der Nähe zum damaligen Wohnort“ Schwierzinas ausgewählt worden. Und wo hat er gewohnt? „In Weißensee“, sagt Kirchner. Außerdem sollen per Gesetz die Doppelbenennungen von Straßen reduziert werden. In Berlin existieren gegenwärtig zehn Straßen, die nach Berlin benannt sind.
Katrija Lehmann wird schon jetzt nostalgisch. „Ich liebte es zu sagen: Ich wohne in der Berliner Straße in Berlin.“

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