Umstrittene Ausstellung öffnet wieder : Menschen Museum verhüllt Plastinate

Nächste Runde im Streit um das Menschen Museum in Berlin-Mitte: Zehn Exponate sind abgedeckt, dafür sind neue zu sehen - plastinierte Tiere.

Plastinator Gunther von Hagens in seinem Menschen Museum.
Plastinator Gunther von Hagens in seinem Menschen Museum.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Es ist eine dieser Ausstellungen, die etliche Besucher zunächst mit einem mulmigen Gefühl betreten – wie einst am Ostbahnhof, als mit der Körperwelten-Schau alles begann. Häufig weicht das Unbehagen angesichts der ungewöhnlichen Einblicke langsam der Faszination über den menschlichen Körper.

Dennoch: Das Menschen Museum (MeMu) am Fernsehturm mit seinen zu Plastinaten verarbeiteten Körpern und Körperteilen bleibt weiter hochumstritten. Dient die Zurschaustellung konservierter Leichen der Wissenschaft oder befriedigt sie vor allem die menschliche Sensationsgier? Oder ist das alles nur eine von vielen möglichen Methoden, das Geheimnis des Lebens zu vermitteln?

Darüber streiten sich der Museumsgründer Gunther von Hagens seit Jahren mit den Vertretern des Bezirksamtes von Mitte vor Gericht. Zuletzt konnte die Familie von Hagens Mitte September vor dem Verwaltungsgericht die drohende Schließung ihrer Schau durch den Bezirk Mitte verhindern. Doch der Bezirk machte erneut Auflagen.

Mit Wärmeschutzdecken verhüllt

Das Menschen Museum im Sockelgebäude des Fernsehturms an der Panoramastraße 1a in Mitte blieb am Wochenende geschlossen. Nach einem Gerichtsurteil hatte der Bezirk vorgegeben, dass zehn anonyme Ganzkörper-Plastinate, deren Herkunft nicht genau nachzuvollziehen ist, verhüllt oder aus der Ausstellung entfernt werden müssen. Dem hatte das Museum zunächst nicht folgen wollen, es gab eine Untersagungsverfügung, schließlich gab das Museum die vorübergehende Schließung bekannt. Vor der Wiedereröffnung am Montag mit Initiator Gunther von Hagens hatte sich das Haus mit den Vorgaben des Bezirksamtes intensiv beschäftigt.

Jetzt sind die zehn umstrittenen Plastinate – darunter der Denker, das Paar in Umarmung, der Hochspringer und die Balletttänzerin – mit gold-silberner Folie verhüllt, die man als Wärmeschutzdecken aus der Ersten Hilfe kennt. Hinter den Exponaten zeigen lebensgroße Tafeln jeweils ein Foto des Plastinats. Hinzugekommen sind Plastinate von Tieren, beispielsweise der Löwe, der eine Antilope reißt. Oder das Einhorn, also ein Pferd mit Horn, wie Ausstellungsleiter Sebastian Röttner-Hönicke erklärte. Ihm zufolge genießen die Berliner Schau und die Ausstellungen in aller Welt international wissenschaftliche Anerkennung.

Ein Magnet für Medizinstudenten und Biologie-Kurse

So gehören zu den derzeit rund 3.000 Besuchern in der Woche auch viele Medizinstudenten und Ärzte – weil eben auf diese detaillierte Weise nirgends sonst Muskeln und Fasern, Nerven und Gefäße zu betrachten sind. Zudem erklären regelmäßig Biologielehrer ihren Schulklassen auf Führungen das Wunderwerk menschlicher Köper. Dann ist auch eine Raucherlunge in abschreckender Weise zu sehen, an deren Foto auf den Zigarettenschachteln sich schon viele Raucher gewöhnt haben.

Die Spender vermachen nach ihrem Tod ihren Körper dem Museum

Die Plastination ist übrigens ein Konservierungsverfahren, das vor allem bei der anatomischen Präparation von Körpern und Körperteilen Verwendung findet und im Anatomischen Institut der Universität Heidelberg von Gunther von Hagens entwickelt wurde. Wie berichtet, gehört zum Konzept der Schau, dass die Körperspender sich vertraglich an das Menschen Museum binden und ihren Körper nach dem Tode dem Museum vermachen. Für manche eine gruselige Vorstellung, später plastiniert in einer Schau zu hängen, während unbekannte Besucher mit dem Finger auf einen zeigen. Wo bleibt denn da die Totenruhe?

„Ist diese denn gegeben, wenn der eigene Körper verbrannt oder in der Erde von Maden zerfressen wird?“, hält Sebastian Röttner-Hönicke dagegen. Es gebe ja zudem viele Menschen, die sich nach dem Tode etwa für Übungen angehender Ärzte in der Pathologie zur Verfügung stellen, auch dies müsste dann ja dem Willen nach einer Totenruhe widersprechen. Und gerade die christlichen Kirchen hätten sich übrigens früher mit Kritik an der wissenschaftlichen Arbeit zurückgehalten.

„Ein Plastinat ist gar nicht anders zu zeigen als in einer Pose"

Das Menschen Museum ist mit seinen derzeit 30 Plastinaten sowie rund 170 weiteren Exponaten wie Organen eines der am stärksten besuchten Schauen eines privaten Anbieters in Berlin. Immer wieder debattierten aber auch die Gerichte über die Körperwelten-Schau, die die Plastinate der Toten in teils blickeheischend wirkenden Posen zeigen. „Ein Plastinat ist gar nicht anders zu zeigen als in einer Pose“, lautet da die Entgegnung des Ausstellungsleiters. In bestimmten Positionen würden eben auch die Muskeln und Sehnen besonders angespannt. Man habe natürlich auch im Kopf, dass eine Ausstellung fürs Publikum attraktiv sein müsse. Am Montag waren unter den Gästen aber noch keine Vertreter der zuständigen Bezirksbehörden.

Streit mit dem Bezirk Mitte gibt es seit dem Eröffnungsjahr 2015

Ihnen sei der Termin der Wiedereröffnung gar nicht mitgeteilt worden, hieß es aus Mitte. Aus der Ferne könne man sagen, dass mit der Verhüllung den Auflagen gefolgt worden sei. Von den Fotos habe man jetzt durch die Presse erfahren. Das Bezirksamt Mitte ist unglücklich über den Publikumsmagneten, weil nach Ansicht des Bezirks vieles noch ungeklärt sei.

Nach Überzeugung des Bezirks hat das MeMu geöffnet, ohne eine Genehmigung zu besitzen. Es sei nicht zweifelsfrei nachzuvollziehen, ob die Plastinate auch wirklich von den Menschen stammten, von denen das Institut sagt, sie hätten ihr Einverständnis gegeben. Es fehlt den Behörden an unabhängigen Kontrollmechanismen bei der Bearbeitung von Leichen von Menschen – beim Artenschutz von Tieren gebe es strengere Regeln. Es sei auch die Rechtsform geändert worden - private Institute müssten geprüft werden, und man gehe bezüglich des Bundesverwaltungsgerichtsurteils in Berufung.

Dispute zwischen dem an Parkinson erkrankten Initiator Gunther von Hagens und dem für den Ort der Ausstellung zuständigen Bezirk gibt es bereits seit dem Eröffnungsjahr 2015. Die Museumsbetreiber habe ihre Ausstellung schon mehrfach überarbeitet.

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