Umstrittene Organisation : Berliner Scientology-Kinder fliehen nach Hamburg

Ein vierzehnjähriges Mädchen und ihr Stiefbruder sind von Berlin nach Hamburg geflohen, um auszusteigen. Offenbar handelt es sich um die Kinder hochrangiger Scientologen.

Sebastian Leber

„Ich bin froh, dass die zwei zu uns gefunden haben“, sagt Ursula Caberta von der „Arbeitsgruppe Scientology“ der Hamburger Innenbehörde. Die Rede ist von einem 14-jährigen Mädchen und ihrem 25-jährigen Stiefbruder, die am vergangenen Donnerstag von Berlin nach Hamburg geflüchtet sind, um aus der umstrittenen Organisation Scientology auszusteigen. Offenbar handelt es sich um Kinder hochrangiger Scientologen, die Stiefmutter des Mädchens soll die leitende Direktorin des im Januar eröffneten Zentrums in der Otto-Suhr-Allee sein.

Der Fall freut die Kritiker von Scientology – wirft aber auch die Frage auf, warum die zwei Ausstiegswilligen nicht in Berlin Hilfe gesucht haben. Björn Jotzo, innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, findet es „unzureichend, wenn Aussteiger sich nach Hamburg begeben müssen, weil in Berlin keine Anlaufstellen vorhanden sind oder diese nicht gefunden werden können“. CDU-Kollege Frank Henkel spricht von einem „Armutszeugnis für den Senat“. Der Vorfall zeige, wie wichtig die Einrichtung eines „Kompetenzzentrums Scientology“ mit konkreten Hilfsangeboten für Ausstiegswillige sei. Seine Fraktion hat bereits einen entsprechenden Antrag im Abgeordnetenhaus eingereicht.

Auch Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche BerlinBrandenburg, wünscht sich eine „deutliche Aufstockung der Hilfsangebote in Berlin“. Die Hamburger Arbeitsgruppe etwa verfügt über sechs feste Mitarbeiter. „So etwas fehlt in Berlin. Wenn mich hier Ausstiegswillige ansprechen, bleibt mir nichts anderes übrig, als sie nach Hamburg weiterzuvermitteln.“

Offiziell gibt es zwar eine Anlaufstelle beim Berliner Senat. Die Verwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung hat eine Mitarbeiterin für das „Sachgebiet konfliktträchtiger Gruppen am Lebenshilfemarkt“ abgestellt, wie es offiziell heißt. An sie können sich Bürger wenden, wenn sie Fragen zu Esoterik, Satanismus und Sekten haben. „Nur weiß das keiner“, kritisiert Gandow von der Evangelischen Kirche. „Nicht mal die Mitarbeiter in der eigenen Verwaltung.“

Tatsächlich: Wer die zentrale Info-Nummer 900 der Senatsverwaltung anruft und nach einem Zuständigen zum Thema Scientology fragt, wird an die Evangelische Kirche verwiesen.

Die Bildungsverwaltung hält ihr Hilfsangebot für ausreichend. Seit Eröffnung der Scientology-Zentrale kämen wöchentlich „ein bis zwei aufgebrachte Bürger, die sich darüber beschweren, dass sich Scientology in der Öffentlichkeit so breit machen darf.“ In drei anderen Fällen hätten Bürger ihre Adressen an Infoständen der Organisation hinterlegt und klagten nun über massenweise Werbepost. Der Rat der Senatsstelle: „Die Werbung sollte man einfach im Papierkorb verschwinden lassen.“ Grundsätzlich sei man aber durchaus vorbereitet, ausstiegswilligen Scientologen zu helfen und – je nach Bedarf – psychologische Beratung sowie Wohnungs- und Jobmöglichkeiten zu besorgen.

Wie der Fall der beiden Aussteiger in Hamburg weitergeht, ist offen. Um die 14-Jährige kümmert sich das dortige Jugendamt. Scientology-Sprecherin Sabine Weber wollte sich zu dem Fall nicht äußern.

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