• Umstrittener Prozess in Brandenburg: Maskenmann-Fall: Neue Enthüllungen über führende Beamte

Umstrittener Prozess in Brandenburg : Maskenmann-Fall: Neue Enthüllungen über führende Beamte

Der Angeklagte wurde zwar verurteilt, doch die Ermittlungen bleiben umstritten. Jetzt gibt es Konsequenzen bei der Brandenburger Polizei. Und ein Verdacht bleibt: Haben führende Polizisten gelogen?

Renate Rost
Vieles unklar. Mario K. (mit Mappe) wurde zu lebenslanger Haft verurteilt – aber sein Anwalt Christian Lödden (links) will, dass das Verfahren neu aufgerollt wird.
Vieles unklar. Mario K. (mit Mappe) wurde zu lebenslanger Haft verurteilt – aber sein Anwalt Christian Lödden (links) will, dass...Foto: Patrick Pleul/dpa

Nach dem spektakulären Maskenmann-Prozess zu zwei Überfällen auf eine reiche Familie und der Entführung eines Bankers südlich von Berlin durch einen Maskierten soll es nach Tagesspiegel-Recherchen nun zu Konsequenzen bei der Brandenburger Polizei kommen. Ihr waren zahlreiche Pannen bei den Ermittlungen vorgeworfen worden. Nach der Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts, der massive Versäumnisse in der Führungsarbeit der Kriminalpolizei sowie „durchgängiges Abweichen von vorgeschriebenen Dienstwegen“ bestätigt hatte, will Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke offenbar intern durchgreifen.

In der für den Fall zuständigen Polizeidirektion Ost in Frankfurt (Oder) und der Mordkommission steht eine „kritische Überprüfung der Struktur im Hinblick auf Gruppengrößen und -zusammensetzung sowie Leitungspannen“ an, wie es im Polizeiintranet heißt. Es soll Versetzungen geben. Einer der wichtigsten Ermittler in diesem Fall, ein Hauptkommissar der Mordkommission, hat sich jetzt von sich aus versetzen lassen, in den Bereich Drogenkriminalität.

Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte in dem Indizienprozess einen früheren Berliner Dachdecker zu lebenslanger Haft verurteilt. Mario K. aber bestritt die Vorwürfe. Der Bundesgerichtshof entscheidet nun über eine Revision, die Verteidiger und Nebenkläger einlegten. Im Prozess waren immer wieder Polizeifehler offenbar und – durch die Zeugenaussagen von vier Beamten – Vorwürfe einseitiger Ermittlungen laut geworden. Die Verteidiger Axel Weimann und Christian Lödden wollen, dass das Verfahren neu aufgerollt wird. Der Nebenklägeranwalt Jakob Danckert verlangt für den Angeklagten neben der jetzigen lebenslänglichen Verurteilung auch die Sicherungsverwahrung.

Auch innerhalb der Polizei hatte es Vorbehalte gegen Mario K. als Täter gegeben – zumal angebliche Tätermerkmale und auch ein mögliches Motiv ebenso gut auf einen anderen Mann zutreffen könnten: einen ehemaligen Brandenburger Polizisten, dessen Spuren aber nicht konsequent verfolgt und dessen Alibis nicht ausreichend geprüft worden waren. Das hatte der Tagesspiegel in einem umfangreichen Dossier im Mai 2015 aufgedeckt.

Das Gericht hatte dennoch keine Zweifel daran, dass der richtige Täter auf der Anklagebank saß. Vielmehr wurden nach dem Urteil von der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder), die bereits die Anklage gegen Mario K. erhoben hatte, Verfahren gegen drei der vier kritischen Beamten eingeleitet – wegen angeblicher Falschaussage. Aufgrund der massiven öffentlichen Kritik am Prozess wurde gleichzeitig auch eine Untersuchung der Polizeistrukturen angeordnet – das Innenministerium setzte dazu eine Kommission ein.

Scharfe Kritik am Leiter der Kripo und am Chef der Mordkommission

Der Untersuchungsbericht, der kurz vor dem Jahreswechsel vorgestellt wurde, bestätigt nun viele Vorwürfe der kritischen Polizisten und spricht von schweren „Defiziten in Personalführung und Kommunikation“ innerhalb der ermittelnden Mordkommission und deren Soko Imker – benannt nach der Maske des Täters.

Die Zweifel am Angeklagten hätten auch die vier Polizisten gern ausgeräumt. Durften sie aber nicht, sagen sie. Auf Anweisung des Leiters der Kriminalpolizei in der Direktion Ost und der zuständigen Soko Imker, Siegbert Klapsch, sollte nicht mehr in andere Richtungen ermittelt werden, erklärten sie vor Gericht. Klapsch hatte das nur zum Teil bestritten. Er gehörte – genau wie Falk Küchler, Chef der Mordkommission – zu denjenigen, denen der Untersuchungsbericht „mangelhafte Wahrnehmung von typischen Leitungsaufgaben wie Anleiten, Delegieren, Motivieren und Kontrollieren“ attestiert.

Ein neuer Blick auf den "Maskenmann-Prozess"
Der Tatverdächtige Dachdecker Mario K. verdeckt im Gerichtssaal im November 2014 sein Gesicht mit einem Schnellhefter. Unsere Fotogalerie zum Fall.Weitere Bilder anzeigen
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18.05.2015 08:49Der Tatverdächtige Dachdecker Mario K. verdeckt im Gerichtssaal im November 2014 sein Gesicht mit einem Schnellhefter. Unsere...

Die spannende Frage für die mögliche anstehende Revision lautet: Sind durch diese Fehler in der Führung die Ermittlungen auch inhaltlich angreifbar? Dazu machte der Landespolizeipfarrer von Brandenburg, Sven Täuber, bei der Vorstellung des Untersuchungsberichts im Tagesspiegel eine interessante Bemerkung: Die kritischen Beamten selbst würden nicht an der Schuld des Angeklagten Mario K. zweifeln. Das klang wie die offizielle Verlautbarung von einem, der bei der Untersuchung dabei war. Doch Täuber war kein Mitglied der Kommission, sondern ein Berater.

Wie kommt der Polizeipfarrer nun dazu, für gleich vier Beamte zu sprechen, die bisher völlig andere Aussagen trafen? Auf Nachfrage sagt Täuber dem Tagesspiegel jetzt, dass er weiter dazu keine Einzelheiten mitteilen könne. Er unterliege einem Schweigegebot. Doch nach Informationen dieser Zeitung hat keiner der vier kritischen Beamten eine derartige Äußerung gemacht. Zwei von ihnen äußerten sich gegenüber der Kommission gar nicht, füllten nicht einmal einen Fragebogen aus. Der Grund ist das laufende Ermittlungsverfahren gegen sie.

Sagte das Entführungsopfer die Wahrheit?

Sowohl intern als auch vor Gericht hatten die Beamten den Ablauf der Entführung stets angezweifelt. Insbesondere glaubten sie nicht den Aussagen des mutmaßlichen Opfers Stefan T., eines Berliner Millionärs, der sich nach mehr als 30 Stunden Geiselnahme in einem Sumpfgebiet angeblich selbst befreien konnte. Bei der Polizei war er trotz fehlender Verletzungen und Unterkühlungen nicht von einem Rechtsmediziner ärztlich untersucht worden. Warum nicht? Einer der Polizisten stellte sogar Strafanzeige gegen sich selbst, weil er Zweifel an dieser Version nicht ausräumen und offenbar nicht in alle Richtungen ermitteln konnte.

Siegbert Klapsch und Falk Küchler selbst sollen weitere Ermittlungen zum Wahrheitsgehalt der Aussage des mutmaßlichen Entführungsopfers Stefan T. verboten haben, sagten die kritischen Polizisten vor Gericht aus. Dieser sei eine „Person des öffentlichen Lebens“, gegen die man nicht ermittle, soll Klapsch gemeint haben – und er ergänzte, er habe alles in Abstimmung mit der zuständigen Staatsanwaltschaft getan. Wenn das stimmt, wurde ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch gegen Mario K. ermittelt, andere Stränge kaum noch oder gar nicht mehr verfolgt – etwa offen gebliebene DNA-Spuren auf einer Decke, die am angeblichen Entführungsort gefunden worden war.

Im Gerichtssaal entstand sogar der Eindruck, dass das mutmaßliche Opfer die Ermittlungen der Polizei gelenkt hat. In Vernehmungen gab Stefan T. öfter den Ton an, welche Fragen die Polizisten stellen sollten und welche nicht oder welche später. Als die kritischen Polizisten solche und ähnliche Vorgänge kritisierten, wurden sie gemobbt, sagten sie. An manchen Verhandlungstagen, wenn einer der skeptischen Beamten im Zeugenstand saß, war fast die Hälfte der Mordkommission aus Frankfurt (Oder) im Publikum anwesend. Einige davon gaben negative Kommentare ab oder belachten lauthals die Aussage ihrer im Visier stehenden Kollegen.

Das Lachen könnte ihnen nach dem Untersuchungsbericht vergangen sein.

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