Berlin : Umzug von Oben

Die „Kirche von Unten“ weicht nach Moabit aus.

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Punkow. Die „Kirche von Unten“ zog in der DDR Oppositionelle an, nach dem Umbruch feierten hier Punks ihre Hochzeiten – wie dieses Paar aus Pankow 1999. Archivfoto: epd
Punkow. Die „Kirche von Unten“ zog in der DDR Oppositionelle an, nach dem Umbruch feierten hier Punks ihre Hochzeiten – wie dieses...Foto: picture-alliance / epd

Der Kampfspruch der linken Szene schreit vergeblich von der grauen Wand. „Wir bleiben alle“ steht an dem Eckhaus in der Kremmener Straße in Mitte. Doch die „Kirche von Unten“, traditionsreiches Jugendkulturprojekt mit Revoluzzer-Vergangenheit, muss weichen. Womöglich gewaltsam, weil im Frühjahr die Räumung droht. Wahrscheinlich freiwillig, denn nach Recherchen des Tagesspiegels soll es nun doch Ersatzräume geben.

Tanzkurse und Theater, Volksküche und Café, Konzerte und Proberäume, Metall- und Holzwerkstatt. Seit 1992 betreibt die Kirche von Unten (KvU) in den Arkonahöfen Straßensozialarbeit. Viele, die mit der als DDR-Oppositionsgruppe gegründeten KvU aufwuchsen, engagieren sich hier immer noch. Elias Greger zum Beispiel. Er trat hier vor sechs Jahren mit seiner Band auf; heute ist die KvU sein zweites Wohnzimmer. Er organisiert bis heute Veranstaltungen, tritt als Pressesprecher auf und probt mit seiner neuen Band im Keller. „Das sind gewachsene soziale Strukturen“, sagt Greger. Jede Woche kämen mehrere hundert Gäste. Das könne man nicht einfach beseitigen.

Genau das hat der Besitzer des 1910 errichteten Gebäudes vor. Die Immowert Arkonahöfe Berlin GmbH, die zur Immowert Immobiliengruppe mit Sitz in Wien gehört, verlängerte den Mietvertrag nicht mehr. Damit war Ende vergangenen Jahres Schluss. Doch die KvU machte einfach weiter. Zwar verließ ihr Träger, der Verein Sozialdiakonische Jugendarbeit im Verbund e.V., im April offiziell die Räume, um der Räumung zuvorzukommen; mit den beiden vom Senat finanzierten Sozialarbeitern fand der Verein in einer Eisdiele in der Friedrichshainer Samariterstraße eine Übergangslösung. Die meisten Nutzer der KvU blieben aber in Mitte. Eine typische Berliner Geschichte.

Die alten Mieter übergaben die Schlüssel zwar der Hausverwaltung, wechselten aber die Schlösser aus und erklärten, dem Verein „Mobile Bausubstanz“ beigetreten zu sein. Der war bei der Räumungsklage angeblich nicht berücksichtigt worden. So läuft beinahe alles wie bisher, selbst Miete zahlt der Verein. Im Februar allerdings steht der nächste Gerichtstermin an, dann will der Eigentümer auch gegen den vermeintlich vergessenen Mieter einen Räumungstitel erwirken. In einem nahezu durchsanierten Kiez, wo die Nettokaltmiete für Neubauten bei durchschnittlich 8,50 Euro liegt, ist kein Platz mehr für diese Oase der linken Alternativkultur. Eine typische Berliner Geschichte.

Greger und seine Mitstreiter würden gerne in der Gegend bleiben, wo die KvU 1987 gegründet wurde – als oppositionelle evangelische Gruppe zum evangelischen Kirchentag im damaligen Ost-Berlin. Nun aber zeichnet sich eine andere Lösung ab. „Das Projekt wird Anfang des nächsten Jahres in das Gemeindehaus der Reformationskirche Wiclefstraße/Ecke Beusselstraße ziehen“, teilte die Bildungsverwaltung auf Anfrage mit. Staatssekretärin Sigrid Klebba und die Jugendlichen selbst hätten die Lösung gefunden. Noch ist der Vertrag mit der Evangelischen Kirchengemeinde Moabit-West nicht unterschrieben. „Bevor es uns nicht mehr gibt, würden wir mitziehen“, sagt Greger.

In der Kremmener Straße plant die Gruppe Immowert, die sich nicht äußern will, laut Bezirksamt Mitte den Bau von Eigentumswohnungen und Lofts und will die Häuser um zwei Stockwerke erhöhen. „Eindeutig ein Spekulationsobjekt“ sieht darin der für Jugend und Immobilien zuständige Stadtrat Ulrich Davids (SPD). Da wolle jemand Geld mit der Immobilie machen. Derzeit prüft der Bezirk das Vorhaben in einem vereinfachten Baugenehmigungsverfahren. Bei einem positiven Entscheid könnten bald vermögende Zuzügler statt Punks und Rocker durch die kurze Straße laufen. Christoph Spangenberg

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