Berlin : Unaufgeklärte Morde: Aus dem fahrenden Zug geworfen

Katja Füchsel

Vermutlich hat der Mörder leise vor sich hingeflucht. Als er durch den Park eilte und im Laufen die Tasche durchwühlte: eine Diplomarbeit, ein Kamm, Taschentücher vielleicht. Den Sozialversicherungsausweis schleuderte er davon, dann den leeren Geldbeutel. Der Studentenausweis landete ein paar Meter weiter in den Büschen. Es war die letzte Spur, die der Mörder von Heike Block an der Pankower Masurenstraße hinterließ. Am 26. Februar 1991 gegen 18 Uhr.

Die letzten Zeugen hatten Heike Block etwa eine halbe Stunde vorher in der S-Bahn aus Oranienburg bemerkt. Eine junge Frau am Fensterplatz, mit braunem lockigen Haar und eher unscheinbarem Äußeren: ein rötlicher Anorak, eine dunkle kleinkarierte Hose, blaue Halbstiefel. Es ist ungewiss, ob die Studentin bemerkte, dass die anderen Fahrgäste nach und nach ausstiegen, vermutlich aber hing sie völlig ihren Gedanken nach. Denn am Nachmittag hatte die 25-Jährige eine Bekannte besucht, um ihre abgetippte Diplomarbeit abzuholen, das Thema: "Nahrungsgüterwirtschaft".

Heike Block wollte nicht zu spät nach Hause kommen: Um 17.31 Uhr stieg sie wieder in die S-Bahn, wo ihr ihre rote, beutelähnliche Umhängetasche offenbar zum Verhängnis wurde. Als der Zug am Bahnhof Pankow einfuhr, war die Studentin bereits tot. Ihr Mörder hatte sie im sonst menschenleeren Waggon überfallen, ihr mehrmals ein Messer in den Körper gestoßen und sie dann aus dem fahrenden Zug geworfen. Die Tasche nahm er mit. "Vermutlich hatte er es auf Bargeld oder Schecks abgesehen", sagt Manfred Vogt, Chef der 9. Mordkommission.

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Auf den ersten Blick sah es nach Raub aus, trotzdem gerieten das Umfeld, die Familie und Freunde des Opfers ins Visier der Ermittler. Im Leben der Heike Block gab es aber offenbar weder Risse noch Kanten: Seit 1985 studierte die junge Frau in der Woche Nahrungsgüterwirtschaft an der Humboldt-Universität, jedes Wochenende fuhr sie heim zu Mann und Kind in die Nähe von Riesa. Auch die Kommilitonen, mit denen Heike Block an der Storkower Straße in einem Studentenwohnheim lebte, bestätigten, was Freunde und Familie erklärt hatten: Eine ruhige Frau, nett, freundlich, lebenslustig und ihrem Mann treu.

Als die Polizei vor nunmehr zehn Jahren in die Kleingartenkolonie zwischen den Bahnhöfen Blankenburg und Heinersdorf gerufen wurde, wo eine Spaziergängerin die Leiche der Studentin neben den Gleisen gefunden hatte, war der Chef der "Vierten" ebenfalls an Ort und Stelle. Der Tatort und die Umstände kamen ihm damals erschreckend vertraut vor, sagt Vogt. "Bereits am 15. Dezember 1990 war auf dieser Linie eine junge Frau aus dem Zug gestoßen worden", erzählt der Kommissar in seinem Büro. Seit 28 Jahren arbeitet Vogt für die Mordkommission an der Schöneberger Keithstraße, ein Innenarchitekt hat sich hier offenbar seit längerem nicht blicken lassen: Der Teppich ist grün, die Vorhänge orange, das Sofa braun.

Vogt blättert in der zweiten Akte, auch der Fall von Uta Schweigel gilt als ungelöst. "Es könnte sich in beiden Fällen um den selben Täter handeln", sagt Vogt vorsichtig, doch die Parallelen sind nicht zu übersehen: Die selbe S-Bahnlinie, eine ähnliche Taktik. Auch Uta Schweigel wurde im Abteil überfallen, ihre Handtasche geraubt und der reglose Körper aus dem Zug geworfen - ein entgegenkommender Zug tötete die schwer verletzte Frau. Bei seinem vermutlich ersten Überfall ging der Mörder allerdings nicht leer aus: In der Handtasche fand er die Wohnungsschlüssel von Uta Schweigel, in der Wohnung ihre Schecks. Als sie ein Unbekannter zwei Tage später am U-Bahnhof Schönhauser Straße einlösen wollte, griff die Polizei zu: vergeblich. Vogt: "Er hatte die Schecks einem Dritten abgekauft."

Und da gibt es noch einen dritten, ebenfalls ungelösten Fall auf Vogts Schreibtisch: Nicola Schieck, eine 19-jährige Potsdamerin, war am 1. Januar 1991 in der S-Bahn am Mexikoplatz angegriffen worden, als sie auf dem Weg zur Arbeit war. Der Täter stach ihr im Morgengrauen ein Messer in den Rücken, die junge Frau überlebte schwer verletzt.

Als am 27. Februar Heike Block gefunden wurde, hing die Polizei noch einem anderen, konkreten Verdacht nach. Denn am 20. Dezember war ein wegen Sexualmordes verurteilter und ins Klinikum Buch eingewiesener Straftäter während eines Einkaufsbunmmels seinen Pflegern entwischt: Ein 57-jähriger Mann, blass, Stirnglatze. So oder so ähnlich hatten Zeugen einen Fahrgast in der S-Bahn beschrieben. Am 7. März ging der Flüchtling den Fahndern ins Netz, doch Fehlanzeige, sagt Vogt: Der Mann war unschuldig.

Die Papiere in Vogts Akten verbleichen allmählich, die Zeit hat den Vermerken, Berichten und Zeitungsausschnitten ein schmutziges Gelb verliehen. Dabei auch die Beschreibung der Waffe, mit der Heike Block getötet wurde: Ein Fleischermesser, 20 Zentimeter lang, Teil eines billigen Messersets, hergestellt in England. Also nichts, was man aus Gewohnheit in der Manteltasche mit sich herumträgt. "Der Täter hat nach seinem Opfer gesucht", sagt Vogt. Und dabei zufällig Heike Block gefunden.

Lange rechnete Vogt täglich mit einem neuen Opfer, doch Wochen, Monate, Jahre vergingen. Geblieben ist dem Kommissar ein Phantombild des mutmaßlichen Mörders: Bartstoppeln, dunkle Augenringe, eingefallene Wangen, ungepflegt. Doch weshalb mag der Mann das Morden plötzlich eingestellt haben? Reue? "Wohl kaum", winkt der Ermittler ab. Er glaubt an andere Umstände, eine Festnahme oder schwere Krankheit des Täters. Noch einmal betrachtet der Kommissar das Phantombild. "Eine hohe Lebenserwartung hat der nicht mehr", sagt Vogt. Dann klappt er die Akte zu, vielleicht für immer.

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