Unglücklich : Umzug wider Willen

Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter fühlten sich schlecht informiert, als sie von der Schließung ihres Altenheims in Wedding erfuhren. Noch im Mai zogen die letzten Mieter ein, nun müssen alle wieder umziehen. Die Geschäftsführung gesteht Fehler ein.

Liva Haensel

BerlinIrmgard Maenner hatte sich zu früh gefreut: Nach langer Suche hatte sie in der Schrippenkirche ein geeignetes Heim für ihre demente Mutter gefunden. Die Umgebung, das Pflegeangebot und der Garten des Altenheims hatten sie überzeugt. Am 15. Mai zog Anna Maenner (84) aus Bayern nach Berlin ein. Doch schon am 22. Mai erfuhr die Tochter per Post, dass das Altenheim schließt und die Bewohner umziehen müssen.

"Ich habe mich darüber geärgert und verstehe das nicht", sagt Irmgard Maenner, die nun erneut 20 Heime in ganz Berlin besichtigt hat, um für ihre Mutter eine neue Bleibe zu finden. Für alte, demente Menschen, die ständig Ortswechsel auf sich nehmen müssten, würde die Schließung eine besondere Strapaze darstellen, sagt sie. Die Geschäftsführung habe im Mai bereits gewusst, dass sie ihr Heim in der Ackerstraße schließen werde. "Warum wurde meine Mutter dann überhaupt noch aufgenommen?"

Anstelle des Heims wird ein "Integrationshotel" errichtet

Auch andere Angehörige und Mitarbeiter fühlen sich nicht gut informiert durch die Geschäftsführung des Altenheims, das sich seit 1901 verstärkt um sozial benachteiligte Menschen kümmert und seit 1979 als Einrichtung für alte Menschen dient. Noch vor einem Jahr feierte der Verein Schrippenkirche sein 125-jähriges Jubiläum. Der Name stammt aus dem Volksmund: Ab 1882 bekamen Arbeitslose dort vor dem Gottesdienst einen Kaffee und zwei Schrippen.

Das Aus für die Schrippenkirche stehe fest, sagt Geschäftsführer Reinhardt Burghardt. Für die Einrichtung mit 39 Bewohnern, in der auch behinderte Menschen leben, ist ein "Integrationshotel" geplant: Dort sollen ab Dezember 2009 Menschen mit Handicaps arbeiten. Dies sei wirtschaftlich sinnvoller.

Mitarbeiter fühlen sich über den Tisch gezogen

Die Bewohner müssen das Haus bis Ende September räumen. "Wir übernehmen alle Umzugskosten", sagt Burghardt. Das Altenheim sei nicht zufriedenstellend belegt gewesen, sagt er, für die 55 Plätze habe es kaum noch Nachfragen gegeben. Nach intensiven Prüfungen habe die Mitgliederversammlung am 22. Mai daher die Schließung entschieden.

Burghardt schlug den Angehörigen im Juni vor, ihre Eltern im Weddinger Seniorenzentrum Schwyzer Straße am Schillerpark unterzubringen. Dies habe für ihn auch bedeutet, alle Mitarbeiter dorthin mitzunehmen. Das Seniorenzentrum lasse sich darauf ein und zahle sogar mehr Gehalt mit unbefristetem Vertrag. Doch diese Nachricht kam nicht gut an. "Wir fühlen uns über den Tisch gezogen und haben Angst", sagt eine Altenpflegerin, die anonym bleiben möchte. Zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern habe es überhaupt keine Gespräche über die Zukunft des Heims gegeben, sagt sie.

Die Alternative soll teuerer sein

Für die alten Leute sei der Umzug ein Schock, berichtet auch Ralf Holzfuß. Dessen Großmutter lebt seit acht Jahren im Heim. Eine adäquate Unterbringung für die alte Dame zu finden sei schwierig. Die Seniorenresidenz Schwyzer Straße sei zudem teurer und weniger komfortabel als die Schrippenkirche, sagt er.

Geschäftsführer Burghardt sagt, dass es Fehler gegeben habe: "Ja, es gab ein oder zwei Bewohnerinnen, die noch im Mai eingezogen sind." Auch dass es Unklarheiten über die Schließung gegeben habe, gibt der Geschäftsführer zu: "Die zeitlichen Abläufe waren unglücklich." Dennoch: Am 3. August sollen den Bewohnern und Angehörigen die Heimplätze gekündigt werden.

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