• Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin: „Durch Großunterkünfte entstehen Ghettos“

Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin : „Durch Großunterkünfte entstehen Ghettos“

Bei einem Streit im Flüchtlingsheim in Karlshorst wurde der Leiter schwer verletzt. Der Betreiber, die Berliner Sozdia Stiftung, fordert eine neue Flüchtlingspolitik in Berlin - und setzt nun eigene Ideen dafür um.

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In vielen Notunterkünften wie hier in Tempelhof leben sehr viele Flüchtlinge auf engem Raum.
In vielen Notunterkünften wie hier in Tempelhof leben sehr viele Flüchtlinge auf engem Raum.Foto: Rainer Jensen/dpa

Man sieht Christoph Wiedemann die Schmerzen und Anstrengungen der vergangenen drei Wochen noch an. Der 32-jährige Leiter der Flüchtlingsunterkunft in der Karlshorster Treskowallee hat schwere Gesichtsfrakturen erlitten, als er in der Nacht zum 26. Februar einen Streit zwischen Flüchtlingen und Sicherheitsleuten schlichten wollte. Verletzt wurde Wiedemann offenbar von den Wachschützern, sagt Michael Heinisch, der Vorstandsvorsitzende der Sozdia Stiftung Berlin, die das Heim betreibt und am Mittwoch zu einer Pressekonferenz geladen hatte.

Wachschützer müssen Namensschilder tragen

In ungewöhnlich offener Form berichteten dort Heinisch, Wiedemann und der syrische Flüchtling Majd Jammoul von dem Vorfall und den Schlussfolgerungen: Vom Sicherheitsunternehmen hat man sich getrennt. Mit der neuen Firma wurden Rahmenbedingungen vereinbart, die eigentlich – so Heinisch – selbstverständlich sein sollten, es aber in Berlin nicht sind: So müssen alle Mitarbeiter ein umfassendes Führungszeugnis vorlegen und durch Namensschild oder eine andere Kennzeichnung identifizierbar sein. Die Sozdia-Stiftung akzeptiert auch keine Subunternehmen und prüft, ob das Arbeitszeitgesetz eingehalten wird. „Das müssten die Sicherheitsfirmen selbst tun“, sagt Heinisch: „Doch wir haben erfahren, dass 14-Stunden-Dienste nicht ungewöhnlich sind“. Außerdem werde man regelmäßig Einsatzbesprechungen durchführen und ein mehrsprachiges Beschwerde-Management starten. Flüchtlinge müssten wissen, dass es keine Auswirkungen auf ihr Asylverfahren hat, wenn sie sich über etwas beklagen.

Die Notunterkunft in der Treskowallee
Die Notunterkunft in der Treskowallee.Foto: Promo

Nicht nur versorgen und bewachen

Die strukturelle Hauptursache für die Gewaltvorfälle sehen Betreiber, Heimleiter und Flüchtlinge allerdings in der ungeeigneten Unterbringungssituation. Menschen monatelang in Groß-Gruppen-Unterkünften zusammenzupferchen führe zu Frustration, allein schon wegen des chronischen Schlafdefizits, sagt Christoph Wiedemann: „Die Nächte sind am schlimmsten, da macht sich das Fehlen jeglicher Privatsphäre besonders bemerkbar“.

Die Berliner Politik müsse umdenken, sagt Michael Heinisch: „Die Menschen dürften allenfalls für wenige Tage in Großunterkünften untergebracht werden, da sie dort lediglich versorgt und bewacht werden, aber keinen Zugang zu Sprache oder Beschäftigung finden – so entstehen unweigerlich Ghettos.“

Flüchtlinge sollen sich ein Haus bauen

Neben der Politik und der Verwaltung, die derzeit allerdings nicht einmal ihrer Kontrollfunktion nachkomme, sieht die Sozdia-Stiftung vor allem auch die Träger der Flüchtlingseinrichtungen in der Pflicht. Sie sollten den Bewohnern mehr Verantwortung übertragen; so habe man in der Treskowallee gute Erfahrungen damit gemacht, zum Beispiel die Essensausgabe durch die Flüchtlinge selbst vornehmen zu lassen. Die Eingliederung in die Gesellschaft könne nur gelingen, wenn man jede Form der Interaktion fördere, sagt Michael Heinisch: „Deshalb werden wir ein Pilotprojekt starten und mit Flüchtlingen ein Haus bauen.“

Heimleiter kehrt zurück

Christoph Wiedemann hat ziemlich schnell entschieden, wieder als Einrichtungsleiter in die Treskowallee zurückzukehren. Die Bewohner hätten ihn bei einem Besuch herzlich begrüßt, erzählt er. Sie hatten ihn auch versorgt, als er nach der Attacke blutend am Boden lag. Auf die Wachschützer, die ihm das möglicherweise antaten – die polizeilichen Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen – wird er nicht mehr treffen. Die sind jetzt anderswo eingesetzt.