Berlin : Unternehmen „Firebar“

Am 6. April 1966 stürzte ein hochmoderner Sowjetjäger in den Stößensee, Auslöser zu einer der spektakulärsten Geheimaktionen der Briten

Andreas Conrad

Als Brigadier David Wilson am 6. April 1966 um 15 Uhr 30 das Kriegsglück traf, war er kaum angemessen gekleidet. Der Chef der britischen Militärmission (Brixmis) spielte Squash, da kam die Nachricht, eine sowjetische Kampfmaschine sei in den Stößensee gestürzt. Auch an dem eilig einberufenen Kriegsrat nahm er im Sport-Dress teil, doch in so einem Fall darf selbst ein Offizier der Argyll & Sutherland Highlanders auf Etikette verzichten. Zumal er sich anschickte, eine der spektakulärsten britischen Geheimaktionen des Kalten Krieges zu leiten, wie sie sonst – jeder Kinogänger weiß das – nur Doppel-Null-Agenten anvertraut werden.

Im Tower auf dem britischen Flugplatz Gatow hatte man zuerst mitbekommen, dass die Maschine nahe West-Berlin in Schwierigkeiten geraten war. Nach Erinnerungen von Brixmis-Veteranen hatte der Pilot wegen Triebwerksproblemen bei der Bodenleitstelle um die Erlaubnis einer Notlandung in West-Berlin gebeten, sei aber angewiesen worden, den Jet in den See zu steuern. Die Sowjet-Version, der sich auch der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in seiner Würdigung der beiden toten Flieger anschloss, sah anders aus: Demnach hatten der Pilot, Oberleutnant Juri Janow, und sein Navigator, Hauptmann Boris Kapustin, wegen technischer Probleme die Orientierung verloren und erst über West-Berlin wieder Bodensicht bekommen. Um ihre Maschine nicht unkontrolliert abstürzen zu lassen, verzichteten sie auf die Schleudersitze und steuerten sich in den sicheren Tod.

Opfertod oder blinder Gehorsam – für die Briten war der Unglücksfall ein Gottesgeschenk. Denn bald stellte sich heraus, dass die Leitwerkspitze, die südlich der Heerstraße, etwa 200 Meter vom Spandauer Ufer entfernt, aus dem Wasser ragte, zu einer Yak 28 gehörte. Das war einer der modernsten Abfangjäger der Sowjets, Nato-Name Firebar, wegen seines überlegenen Radarsystems von höchstem Interesse für den Westen.

Entsprechend hektisch reagierten die Sowjets auf die Nachricht vom Verlust ihrer Maschine. Umgehend wurde die Wachmannschaft am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten zum Stößensee verlegt, wogegen die Briten erfolgreich protestierten: Bewaffnete Rotarmisten hatten dort nichts zu suchen. Aber die Beobachtung der Bergungsarbeiten vom Ufer aus konnte man General Wladimir Bulanow, dem Kommandierenden des Sowjetkommandos, kaum verwehren, wollte dies auch gar nicht, ging es doch darum, den Schein zu wahren, um unter der Oberfläche ungestört zu spionieren.

So arbeiteten Brigadier Wilson und die Spezialisten von Brixmis und Royal Air Force erfolgreich auf zwei Ebenen: Auf der offiziellen nahm die Bergung ihren geruhsamen Gang, begleitet von Protesten und Erwiderungen, rituellem Säbelrasseln alles in allem. Hauptsache, die Form blieb gewahrt. Mit dem Pathos militärischen Zeremoniells wurden in der Nacht auf den 8. April die Leichen der Flieger übergeben, die Sowjets korrekt mit einer Ehrenformation unter Waffen, Roter Fahne und kleiner Militärkapelle, die Briten mit Dudelsackpfeifer. Ebenso formvollendet nahm Wilson am Karfreitag im sowjetischen Hauptquartier in Wünstorf einen offiziellen Protest entgegen – darauf spekulierend, dass er auf dem Rückweg von einem unwissenden Kontrollposten festgehalten würde. Die Rechnung ging auf, und als ein wutschnaubender sowjetischer Oberst den Briten knapp zwei Stunden später befreite, hatte sich die für den Protest zuständige britische Dienststelle leider schon ins Osterwochenende verabschiedet.

Unter Wasser hielt man sich, dankbar für den Aufschub, nicht an den Dienstplan. Tag und Nacht wurde durchgearbeitet, um die sensiblen Teile des Jägers unbemerkt zu bergen und zur Untersuchung nach Farnborough zu bringen. Bei der Radaranlage in Cockpit und Flugzeugnase kein Problem, bei den Triebwerken aber war ein Trick nötig: Ein kleines Floß wurde zu der großen Fähre mit den Bergungskränen gebracht und fuhr wieder weg – nun allerdings mit den knapp unter der Wasseroberfläche vertauten Turbinen. Innerhalb von 48 Stunden flog man sie nach England, nahm sie komplett auseinander, schraubte sie wieder zusammen und brachte sie zurück, um sie zu versenken und offiziell ein zweites Mal zu bergen.

Am 13. April und am 2. Mai wurden die Wrackteile übergeben, nach längerem Fingerhakeln über die genaue Stelle auf der Havel, wo dies erfolgen sollte. Zuletzt wurden die Triebwerke auf die Fähre der Sowjets gehievt. Schon bei bloßem Befühlen stieß General Bulanov auf die Spuren der metallurgischen Untersuchungen. Gesagt hat er kein Wort, aber seine Miene war deutlich: Er wusste Bescheid. Moniert wurde nur, dass gewisse Teile fehlten, während andere, in die sie eingebaut waren, intakt waren. Die Briten schüttelten nur bedauernd den Kopf, und die Sowjets beharrten nicht weiter auf dem Punkt, wohl in der Hoffnung, die hochgeheime Radarausrüstung sei tatsächlich im See geblieben. Nun, da kannten sie den Geheimdienst Ihrer Majestät aber schlecht.

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