Unterwegs in Berlins 96 Ortsteilen : Liegestütze in Adlershof

96 Ortsteile hat Berlin. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 1: Adlershof.

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Schick! Wollmützensortiment auf dem Marktplatz von Adlershof.
Schick! Wollmützensortiment auf dem Marktplatz von Adlershof.Foto: Jens Mühling

Die Kioskverkäuferin am S-Bahnhof Adlershof sah mich entgeistert an. Dabei hatte ich nur gefragt, warum Adlershof Adlershof heißt. „Woher soll ich das wissen?“, fragte sie. „Sie sind doch hier der Mann!“ Ich verließ den Kiosk mit einem Becher Kaffee und dem Gefühl, dass die Geschlechterrollen in Adlershof recht klar verteilt sind.

Man hört in letzter Zeit oft, unser Land sei gespalten: abgehobene Eliten auf der einen Seite, ängstliche Schrebergärtner auf der anderen. Wenn das stimmt, ist Adlershof so etwas wie ein Vorgeschmack auf die bundesdeutsche Zukunft. Der Ortsteil besteht nämlich aus zwei strikt voneinander getrennten Ghettos, die sich lediglich denselben S-Bahnhof teilen: Im Südwesten wird emsig geforscht und studiert, im Nordosten bieder gewohnt. Dazwischen verläuft das sogenannte Adlergestell (Fun fact: Berlins längste Straße), das besser Apartheidsgestell heißen sollte, weil sich selten jemand von der einen auf die andere Seite verirrt.

Dass die meisten Berliner beim Stichwort „Adlershof“ nur an den Wissenschaftsstandort im Südwesten denken, der auch die Domain „adlershof.de“ gebunkert hat, scheint die Menschen im Nordostteil mächtig zu wurmen, jedenfalls prangert die „Adlershofer Zeitung“ dieses Unrecht regelmäßig an. Leider ohne nennenswerten Erfolg, was daran liegen könnte, dass ich zu den ganz, ganz wenigen Nicht-Adlershofern gehören dürfte, die die „Adlershofer Zeitung“ je gelesen haben.

Der Gerechtigkeit halber lief ich vom S-Bahnhof also erst einmal Richtung Nordosten, ins Wohnviertel. Auf dem menschenleeren „Platz der Befreiung“ entdeckte ich eine verwitterte Steinstele, deren Inschrift mir in Erinnerung rief, auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs dieser Ortsteil einmal lag: „8. Mai 1945 – Ruhm und Ehre den Helden der Sowjetunion“.

Ein Fachgespräch über Ortsteile

Belebter war der kleine Wochenmarkt an der Dörpfeldstraße, wo ein buntes Sortiment aus Wollmützen, Kochtöpfen, Fisch von der Mecklenburger Seenplatte und Fan-Artikeln des 1. FC Union feilgeboten wurde. Ich kam mit einem türkischen Gemüsehändler ins Gespräch, der neben seinem Stand Liegestütze machte, um sich aufzuwärmen. Er schaffte 30 Stück. „Früher 40“, sagte er. „Aber da war ich noch zehn Kilo leichter.“

Als er mir erzählte, dass er nicht nur in Adlershof Gemüse verkaufte, sondern auch auf dem Arkonaplatz in Mitte und dem Boxhagener Platz in Friedrichshain, dachte ich: Bingo, der richtige Mann für ein Fachgespräch über Ortsteile! Ich fragte ihn nach Unterschieden. „Hier gibt’s nur alte Leute“, sagte er seufzend. „Kaufen immer dasselbe: Kartoffeln und Clementinen. Manche in Adlershof wissen nicht, was Zucchini und Auberginen sind, ich schwöre! Die kommen an den Stand und fragen: Was sind das für Gurken?“

Irgendwie kam es mir passend vor, dass ich kurz hinter dem Markt in eine Kleingartenanlage namens „Lange Gurke“ stolperte. Das gleichnamige Vereinsheim war laut Aushang zu vermieten. Während ich noch überlegte, was hier wohl für Gurken gediehen, sprach mich ein älterer Hundebesitzer an. Der Mann gestikulierte beim Sprechen mit einem schwarzen Zellophanbeutel, in dem sich, wie mir ziemlich spät dämmerte, ein frischer Hundehaufen befinden musste. „In Adlershof kann man's aushalten“, sagte er. „Gibt zwar auch Ausländer hier, aber nicht die schlimmsten. Ich sag mal: Ob schwarz, weiß oder grün, ich komme mit allen klar.“

Auf der Suche nach den grünen Ausländern überquerte ich das Apartheidsgestell Richtung Südwesten. Der Unterschied zwischen den beiden Ortsteilhälften war frappierend. Im Nordosten: Altbauten, Eckkneipen, Kleingärten. Hier: funkelnde Campus-Architektur, dazwischen Smoothie-Bars und Bagel-Läden.

Vor einer großen Brache warb ein Baustellenschild mit einem Slogan, den ich dreimal lesen musste, um ihn halbwegs zu verstehen: „1200 mal Zuhause minus langer Arbeitsweg gleich Lebensqualität größer Durchschnitt: Hier entsteht Berlins klügste Wohnadresse.“ Je öfter ich es las, desto dümmer fühlte ich mich. Noch dümmer fühlte ich mich, als mich ein Student überholte, der in der linken Hand eine Pappschachtel hielt, aus der er – beim Laufen! – mit den Essstäbchen in seiner rechten Hand Glasnudeln aß, während er im Kopf vermutlich quantenphysikalische Gleichungen löste.

Wer zum Teufel ist BESSY?

Man läuft in Adlershof-Südwest allenthalben an Dingen vorbei, die den meisten Menschen zu hoch sind. Trudeltürme, Windkanäle, lauter solche Sachen. Und dann ist da noch BESSY. Das steht für „Berliner Elektronenspeicherringgesellschaft für Synchrotronstahlung“ und ist ein riesiger, ringförmiger Betonbau, in dem Gott weiß was passiert. „Boffff...“, machte der Pförtner, als ich ihn nach BESSYs Sinn und Zweck fragte. „Kann ick schlecht erklären. Irgendwat mit Elektronik.“ Gemeinsam beugten wir uns über eine Glasvitrine im Foyer, in der BESSY als Miniaturmodell nachgebaut ist, aber aus dem BESSY-Nachbau wurde ich auch nicht schlauer als aus dem BESSY-Original. Ich schätze, wer BESSY wirklich verstehen will, muss in der Lage sein, gleichzeitig zu laufen und mit Stäbchen zu essen.

Glasnudeln oder Gurken, dachte ich, als ich mich auf den Heimweg machte: Wer in Adlershof lebt, muss sich entscheiden.

Fläche: 6,11 km² (Platz 65 von 96)

Einwohner: 17 284 (Platz 61 von 96)

Durchschnittsalter: 43,0 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Ernst Lau (Erfinder der Gleitsichtbrille), Anna Seghers (Schriftstellerin)

Gefühlte Mitte: S-Bahnhof Adlershof

Diese Kolumne erschien am 11. März 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

Alle Folgen zum Nachlesen: tagesspiegel.de/96malberlin.

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Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

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