• Unterwegs in Berlins Ortsteilen: Baumschulenweg: Wo das einzige Jim-Morrison-Denkmal der Stadt steht

Unterwegs in Berlins Ortsteilen : Baumschulenweg: Wo das einzige Jim-Morrison-Denkmal der Stadt steht

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 5: Baumschulenweg.

Das ist doch...? Genau, Jim Morrison in Baumschulenweg.
Das ist doch...? Genau, Jim Morrison in Baumschulenweg.Foto: Jens Mühling

Ganz im Norden, wo der Ortsteil Baumschulenweg ein schmales Stück Spreeufer hat, stellte ich einem einsamen Angler die dümmste Frage, die man einem einsamen Angler stellen kann: „Schon was gefangen?“ Der Mann deutete stumm auf seinen Eimer. Ein erstaunlich großer Fisch erwiderte glasig meinen Blick. „Brasse“, knurrte der Angler. „Brat ich mir gleich zu Mittag.“

Wir unterhielten uns ein wenig, mit knappen Sätzen und langen Pausen, die Augen starr aufs Wasser gerichtet, wie es Männer an Flussufern zu tun pflegen. Er sei fast jeden Tag hier, sagte der Angler, nur an Wochenenden meide er die Spree. „Das glauben Sie nicht, was da morgens so rumkraucht.“ Mit dem Kinn wies er stadteinwärts, stromabwärts. „Übriggebliebene. Aus den Bars.“ Vor meinem inneren Auge sah ich zugedrogte Zombies durch den Plänterwald wanken. Wahrscheinlich hat sich in den Spree-Clubs herumgesprochen, wie groß in Baumschulenweg die Brassen sind.

Im Südwesten wurden Mauerflüchtlinge erschossen, im Nordosten heimlich eingeäschert

Der Ortsteil besteht aus einem Nordost- und einem Südwestzipfel, dazwischen liegt ein schmales Verbindungsstück, auf der Karte erinnert der Umriss an ein eng tailliertes Kleid. Im Nordostteil liegt das Krematorium Baumschulenweg, wo die Stasi früher heimlich Mauertote einäschern ließ, die unter anderem im Südwestteil ermordet wurden: Am Britzer Verbindungskanal erinnert eine Gedenkstele an den 1989 erschossenen Chris Gueffroy, nach dem hier auch eine Allee benannt ist.

Vor dem Lidl in der Kiefholzstraße sah ich einer ramponiert wirkenden Zeitungsausträgerin zu, die neben ihrem Wägelchen zornig in Richtung Himmel gestikulierte, als habe sie ein Hühnchen mit Gott zu rupfen. Ein alternder Hundebesitzer in Biker-Kluft bemerkte meinen Blick. „Vor zehn Jahren war die noch normal“, sagte er. „Dann hat sie angefangen zu saufen. Hat jetzt immer ihre Schnapspulle im Wagen liegen. Das mit den Zeitungen kriegt sie noch hin, aber sobald man sie anguckt, schreit sie Zeter und Mordio. Nur wenn sie meinen Hund sieht, fängt sie an zu strahlen.“ Traurig schüttelte er den Kopf. „Ist bei mir auch so – mit Tieren komme ich besser klar. Die Menschen sind alle so hektisch geworden.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, ließ sich der Mann von seinem Terrier in die nächste Seitenstraße ziehen.

Immer mal wieder stolpert man durch Felder voller Jungbäume

Baumschulenweg heißt Baumschulenweg, weil hier die berühmte Späth’sche Baumschule residiert, die Ende des 19. Jahrhunderts die größte der Welt gewesen sein soll. Ziemlich ausgedehnt ist sie immer noch, man stolpert zwischen den Einfamilienhäusern des südwestlichen Ortsteils immer mal wieder durch Felder voller Jungbäume. Außerdem stolpert man über ein Jim-Morrison-Denkmal. Jawohl, richtig gehört: Am Königsheideweg, wo Baumschulenweg an Johannisthal grenzt, befindet sich das wohl einzige Jim-Morrison-Denkmal der Stadt. Es sieht aus wie ein Grabstein und steht vor einer Kneipe, die früher „Seelenküche“ hieß, nach dem Doors-Song „Soul Kitchen“. Der Laden soll damals eine Doors-Fankneipe gewesen sein, was er zum Zeitpunkt meines Besuchs erkennbar nicht mehr war. Zwar stand das Denkmal noch an Ort und Stelle, aber die Kneipe sah jetzt eher nach Biker-Schuppen aus. Über dem verschlossenen Eingang prangte ein neuer Name: „Zombie Kitchen“.

Fläche: 4,82 km² (Platz 77 von 96)

Einwohner: 18 188 (Platz 59 von 96)

Durchschnittsalter: 46,3 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Franz Späth (Gärtner, Botaniker, Inhaber der Späth’schen Baumschule)

Gefühlte Mitte: Baumschulenbrücke

Diese Kolumne erschien am 8. April 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

Alle Folgen zum Nachlesen: tagesspiegel.de/96malberlin.

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Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...
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