Urbane Kunst : Berlins bunte Brandmauern sind vom Aussterben bedroht

Bilder auf blanken Brandmauern prägen die Stadt. Doch viele Baulücken werden jetzt geschlossen. Verschwindet dabei auch die Kunst?

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Gefährdet. Ben Wagins Bild „Weltbaum“ am S-Bahnhof Tiergarten.Alle Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
14.01.2012 21:58Gefährdet. Ben Wagins Bild „Weltbaum“ am S-Bahnhof Tiergarten.

Gleich scheppert’s. Ein Schiff unter Volldampf, ein Kran, der auf einer Baustelle direkt davorsteht, das kann nicht gut gehen. Zum Glück ist der Dampfer „Phoenix“ aber nur ein Giebelgemälde an einem Gründerzeithaus und sein Schöpfer Gert Neuhaus ein kultivierter Charlottenburger. Freundlich fragt er die Kranmonteure, ob der Bau bald sein Brandmauerbild in der Wintersteinstraße 20 verdecken wird. Glauben sie nicht, sagen die, ohne Genaueres zu wissen, wäre aber sehr schade.

Da haben sie recht. Denn der 72 Jahre alte Gert Neuhaus ist nicht nur die weißgraue Eminenz der Berliner Fassadenmaler, sondern sein 1989 entstandenes, berühmtes Schiffsbild ist auch eine Touristenattraktion der zugigen Verbindungsstraße zwischen Caprivibrücke und Otto-Suhr-Allee.

Trotzdem hat der Künstler, der kürzlich sein 50. haushohes Bild fertiggestellt hat, die Ruhe weg. „Diese Bilder verschwinden, das ist so“, sagt er mit feinem Lächeln. Sonne, Regen und Frost halten seine Acrylfarben zwar 30 Jahre stand, aber nicht der Übermalung durch neue Hauseigentümer, der Wärmedämmung oder dem angrenzenden Neubau. Sechs der 45 Berliner Gemälde, mit denen Neuhaus seit 1976 das Gesicht der Stadt geprägt hat, seien bereits weg, sagt er. Und jetzt, wo die Immobilienbranche brummt und die Stadt im Innern ihre Lücken schließt, verschwinden viele der durch Bombenkrieg und sozialistischem wie kapitalistischem Abräumrausch freigelegten Brandwände, die einst in der Blockbebauung ein Gebäude vom anderen trennten. Und mit ihnen verschwinden die rohen Ziegel, die Einschusslöcher, der rankende Wein, die Silhouetten verschwundener Nachbarhäuser, die alten Werbeinschriften, die Gemälde, die Graffiti, kurz die Spuren geschichteter Zeit.

Der Fotograf Harf Zimmermann, Mitgründer der Fotoagentur Ostkreuz, will genau die in seinen mit großen Plattenkameras aufgenommenen Bildern bewahren. „Brandwand“ ist der Arbeitstitel seines in einigen Monaten im Steidl-Verlag erscheinenden Bildbands. Von den 300 pittoresken Mauern, die er allein in den vergangenen vier Jahren quer durch alle Bezirke fotografiert habe, sei inzwischen ein Drittel weg, sagt er mit leisem Bedauern. „Namentlich diese Wand hätte ich gern unter Denkmalschutz und restauriert gesehen“, sagt er und zeigt auf ein Foto, das in seinem Atelier in Mitte an der Wand pinnt. Da hat sich ein Fassadenmaler anno 1903 ein antikes Arkadien samt Bäumen und Tempeln in einen öden Hinterhof im Bötzowviertel gepinselt. Jetzt ist die Wand saniert und das Bild klebt zwar erhalten, aber – gut gemeint ist nicht notwendigerweise gut gemacht – wie eine zackenlose Briefmarke obendrauf. Von paradiesischem Zauber keine Spur mehr.

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