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"Vera 3" und "Vera 8" : Wie Berliner Schüler im Vergleich sind, soll niemand wissen

Der Senat will die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten "Vera 3" und "Vera 8" für sich behalten. Und Brandenburg?

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Geheimsache.
Geheimsache.Foto: picture alliance / dpa

Jeder fünfte Schüler kann nicht rechnen“, „Schreiben ungenügend“. So lauteten Jahr für Jahr die Schlagzeilen, wenn die Gesamtergebnisse der Vergleichsarbeiten der Dritt- und Achtklässler, „Vera 3“ und „Vera 8“, publik gemacht wurden. In diesem Jahr wird es diese Schlagzeilen wohl nicht geben – weil Berlin die Ergebnisse nicht mehr veröffentlicht. Die Linkspartei vermutete am Freitag, dass der Zeitpunkt der Entscheidung in Sachen Geheimhaltung etwas mit der Wahl zum Abgeordnetenhaus zu tun hat.

Stefanie Remlinger von den Grünen nannte die Entscheidung „ein Armutszeugnis für die Senatorin, wenn sie meint, es nütze irgendwem, wenn die Ergebnisse geheim gehalten werden. Eine „breite öffentliche Diskussion ist wichtig“, betonte Remlinger ebenso wie Grundschulforscher Jörg Ramseger. „Schule ist doch kein militärischer Sicherheitsbereich“, wunderte sich der renommierte FU-Professor darüber, dass der Länderbericht unter Verschluss bleiben soll. Er plädiert dafür, dass auch die anderen Bundesländer ihre jeweiligen Gesamtergebnisse offen legen, „da sie etwas über die Effizienz eines Landes aussagen“.

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In Brandenburg gibt es keinen Beschluss

Genau dies will die Kultusministerkonferenz (KMK) verhindern. Bereits 2012 habe die KMK beschlossen, „Vera-Ergebnisse für die Unterrichts- und Schulentwicklung zu nutzen, nicht mehr für ein Systemmonitoring“, teilte Scheeres’ Sprecherin Beate Stoffers, auf Anfrage mit. Die aktuelle Novellierung dieser Vereinbarung halte an diesem Kurs fest, sodass nunmehr „auch Berlin und Brandenburg“ die Ergebnisse „nur den Schulen zur Verfügung stellen“.

Eine Nachfrage im Potsdamer Bildungsministerium ergab allerdings, „dass es von Seiten Brandenburgs bislang dazu keinen Beschluss gibt“, wie Sprecherin Antje Grabley miteilte. Der Tagesspiegel wies die Berliner Bildungsbehörde am Freitagnachmittag auf diesen Widerspruch hin, eine Reaktion blieb aber aus. Außerdem sagte ein Mitarbeiter der Potsdamer Behörde auf Anfrage, die Berliner Bildungsverwaltung habe schon länger erfolglos versucht, Brandenburg bei diesem Schritt mit ins Boot zu holen. Auch dazu lag bis zum Redaktionsschluss keine Berliner Stellungnahme vor.

Die Brandenburger schneiden bei Vera stets besser ab als die Berliner, was auch an der geringeren Migrantenquote liegt. In Berlin hatte zuletzt die Hälfte der Drittklässler beim Schreiben selbst die Mindeststandards unterschritten. Fachleute äußerten daraufhin die Vermutung, dass dies auf eine fehlerhafte Methodik der Berliner Lehrer zurückzuführen sei. Manche Grundschulen forcieren seither gezielte Fortbildungen ihrer Lehrer.

Vergleichsarbeiten sind Folge der Pisa-Studie

Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Hildegard Bentele sagte auf Anfrage: „Eine Nicht-Veröffentlichung der Ergebnisse aufgrund der bevorstehenden Wahlen wäre ein handfester Skandal und der letzte Beweis, dass die SPD wirklich jede Möglichkeit sucht, die Resultate ihrer Bildungspolitik, die sie seit 20 Jahren verantwortet, zu verschleiern oder verheimlichen.“

Die Vergleichsarbeiten sind eine Folge des schlechten deutschen Abschneidens bei der Pisa-Studie im Jahr 2000. Damals einigten sich die Bundesländer auf Mindeststandards, die – etwa im Rechnen, Lesen und Schreiben – zu erreichen sind. Damit Lehrer rechtzeitig gegensteuern können, wenn die Gefahr besteht, dass die Schüler diese Mindeststandards – etwa für Klasse 4 – nicht erfüllen, wird schon in Klasse 3 die entsprechende Vergleichsarbeit geschrieben.

Schon 2011 hatte es eine Auseinandersetzung über den Umgang mit den Schuldaten gegeben. Seit 2007 hat das Institut für Schulqualität Berlin-Brandenburg (ISQ) nicht nur den Lehrern ihre Einzelergebnisse mitgeteilt, sondern auch die Gesamtergebnisse in Form eines Länderberichts online gestellt.

Am Montag teilte die Bildungsverwaltung überraschend mit, dass der Länderbericht auch dieses Jahr veröffentlicht werde. Das Ganze sei ein "Missverständnis". Mehr lesen Sie hier


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