Verkauf des Dragonerareals in Kreuzberg : Goldgrube für Investoren - Mieter fürchten das Aus

Am Mehringdamm wird eines der letzten Innenstadt-Grundstücke verkauft. Die Gewerbemieter bangen um ihre Zukunft. Investoren wollen mit "allen Beteiligten und Betroffenen" reden.

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Hinter dem Finanzamt am Mehringdamm (Trutzburg-Türme) liegt ein größeres Gewerbegebiet.
Hinter dem Finanzamt am Mehringdamm (Trutzburg-Türme) liegt ein größeres Gewerbegebiet.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Theater haben sie schon gespielt in seiner Autowerkstatt. Musik gemacht, getanzt, und gelegentlich Modell gestanden für Fotografen, die sich für neoromantische Gewölbedecken mit korinthischen Kapitellen interessieren. Alles ist hier denkmalgeschützt, inklusive der Eisenringe zum Anbinden der Reitpferde. Orhan Tosun betreibt seine Werkstatt seit 16 Jahren an einem Ort, wo 100 Jahre früher die Pferde der kaiserlichen Garde-Dragoner ihren Hafer futterten.

Ein ehemaliger Exerzierplatz mit Unterkünften, Reithallen und Ställen, der sich hinter der langen Trutzburg am Mehringdamm versteckt. In den 20er Jahren wurde der Kasernenhof zum Gewerbegebiet umgewidmet. Heute wirkt das Gelände wie eine stadtplanerische Resterampe, doch die Groß-Brache im boomenden Kreuzberg ist für Entwickler eine Goldgrube. 40 Interessenten hatten ein Kaufangebot abgegeben. Den Zuschlag erhielt das Investorenkonsortium „Global Property Invest“ mit Sitz in Prag.

„Dann gehen wir zu Hartz IV“

„Unser Ziel ist, ein Portfolio von erstklassigen Immobilien in Bestlagen zu schaffen“, heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. Für den Erwerb wurde die „Dragonerhöfe“-Gesellschaft gegründet, an der der Berliner Unternehmer Arne Piepgras beteiligt ist. 36 Millionen Euro hatte Piepgras nach eigenen Angaben geboten. Am Mittwoch billigte der Haushaltsausschuss des Bundestags den Verkauf. Die Opposition aus Grünen und Linken schäumte, doch die SPD hielt sich an die Fraktionsdisziplin in der Großen Koalition. Und was sagt Orhan Tosun? „Dann müssen wir aufhören und gehen zu Hartz IV“.

Orhan Tosun will mit seiner Werkstatt nicht mehr umziehen. Wohin denn auch?
Orhan Tosun will mit seiner Werkstatt nicht mehr umziehen. Wohin denn auch?Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sieben Autowerkstätten seien noch auf dem Gelände aktiv, sagt Tosun, vor einigen Jahren waren es noch deutlich mehr. Aber wegen der unsicheren Zukunft haben viele von Tosuns Kollegen schon das Weite gesucht. Sie würden in einem Entwicklungskonzept für das Grundstück kaum eine Rolle spielen. Autowerkstätten gelten Investoren als nicht kompatibel, wenn nebenan schicke Lofts und Galerien eingerichtet oder familiengerechte Wohnungen gebaut werden. Selbst der Bezirk möchte nur Gewerbe zulassen, das mögliche Bewohner nicht stört.

Wohnungsbaugesellschaften kamen nicht zum Zug

Auch Jens Endrich und Jörn Herzog vom „Marmorwerk“ suchen einen neuen Standort für ihren Betrieb, schon seit zwei Jahren, mit den schweren Maschinen zur Steinbearbeitung sei ein Umzug ohnehin kaum zu stemmen. „Wir wollten selber unsere Betriebsstätte kaufen, aber da kam überhaupt keine Reaktion“, erzählt Endrich. Das Marmorwerk bestehe seit 1975 auf dem Gelände. Dennoch sei der Mietvertrag mit einer Frist von einem halben Jahr kündbar.

Auf dem Gelände stehen alte Backsteinhallen aus dem 19. Jahrhundert neben niedrigen Schuppen.
Auf dem Gelände stehen alte Backsteinhallen aus dem 19. Jahrhundert neben niedrigen Schuppen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Bezirk wollte mit einem neuen Bebauungsplan sicherstellen, dass Wohnungen gebaut werden können, im Idealfall von einer Wohnungsbaugesellschaft. Doch die Kaufangebote, nach Angaben den Bezirks bis zu 20 Millionen Euro, blieben chancenlos. 2013 wurde das Areal an einen Hamburger Investor verkauft, angeblich für 21 Millionen Euro, doch nach einem intensiven, aber letztlich ergebnislosen Dialogverfahren mit dem Bezirk und Bürgerinitiativen trat der Investor vom Kauf zurück.

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Protest vor dem Stattbad gegen Verkauf von Dragonerareal

Eine Sprecherin der neuen Eigentümer – „Investoren aus Wien“ – sagte dem Tagesspiegel, das Grundstück solle langfristig entwickelt werden. „Wir bleiben drauf.“ Zum Kaufpreis wollte sie sich nicht äußern. Das von Piepgras entwickelte Konzept eines Künstlercampus mit Galerien, Wohnungen und Gewerbe sei nur eine denkbare Variante. "Das Spiel beginnt neu. Wir sind am Sondieren.“ Kunst und Kultur werde auf dem Gelände "selbstverständlich" eine Rolle spielen. Zunächst müsse der Verkauf juristisch abgeschlossen sein. Das werde voraussichtlich noch einen Monat dauern. Anschließend werde man mit „allen wichtigen Beteiligten und Betroffenen“ Gespräche führen.

Online-Petition gegen Verkauf von Bundesimmobilien

Die Initiativen „Stadtvonunten“ und „Upstall Kreuzberg“ hatten zusammen mit dem Bezirk vergeblich versucht, die Abgeordneten des Bundestags vom Verkauf an die Dragonerhöfe-Investoren abzubringen. Die Initiative Stadtvonunten hat zudem eine Online-Petition gegen den „Ausverkauf bundeseigener Liegenschaften“ gestartet. Stand der Unterstützer am Samstag: 533. Der Senat könnte hier auch unterschreiben, denn seit Ende 2014 laufen Verhandlungen um die Übernahme von rund 4600 bundeseigenen Wohnungen durch Berlin. Zu welchen Konditionen, ist bislang strittig.

Jörn Herzog vom Marmorwerk sucht seit zwei Jahren nach einem neuen Standort.
Jörn Herzog vom Marmorwerk sucht seit zwei Jahren nach einem neuen Standort.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die bundeseigenen Häuser an der Großgörschenstraße und Katzlerstraße mit 48 Wohnungen gehören nicht zu diesem Paket. Auch hier stieß der Protest der Mieter im Bundestag auf taube Ohren.

Orhan Tosun ist jetzt 52 Jahre alt. Wenn die neuen Eigentümer ihm tatsächlich seinen Mietvertrag kündigen, will er in die Türkei zurückgehen. Seine Kunden müssen sich dann eine neue Adresse suchen, um ihr Auto reparieren zu lassen. In Kreuzberg wird das kaum noch möglich sein. Die Verdrängung von klassischem Gewerbe wie Glaser, Bäcker, Elektriker oder Schuhmacher aus der Innenstadt ist eine Folge des lukrativen Wohnungsbaus und anziehender Mieten für Geschäftsräume. Während sich Wohnungsmieter verbünden und die Politik unter Druck setzen, streichen Gewerbebetriebe meistens kampflos die Segel.

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