Verkehr in Berlin : Auch der Lärm spricht gegen die alten Motoren

Stadt muss Stadt bleiben. Ein gewisser Krach gehört dazu. Aber Elektroautos wären ein großer Schritt - für mehr Ruhe. Ein Kommentar.

In Berlin leiden mehr als 300.000 Anwohner verkehrsbelasteter Straßen unter der Dauerbeschallung.
In Berlin leiden mehr als 300.000 Anwohner verkehrsbelasteter Straßen unter der Dauerbeschallung.Foto: dpa

Gerade im Sommer, wenn die Fenster der Büros und Wohnungen weit geöffnet sind, ist sie zu hören: die lärmende Stadt. Muss das eigentlich so sein?

In Berlin leiden mehr als 300.000 Anwohner verkehrsbelasteter Straßen unter der Dauerbeschallung. Für die, die nicht in der Einflugschneise der Flughäfen wohnen, sind Hauptverursacher die Pkw, Lkw, Motorräder und Busse. Sie lassen die Anzeigen der Dezibelmesser teilweise auf über 80 steigen. Ab 65 Dezibel macht Dauerlärm krank.

Dass Pkw nicht nur stinken, sondern auch laut sind, wird in der Debatte um den Diesel und neue Mobilität trotzdem oft nur am Rande erwähnt. Als habe sich der Stadtbewohner mit dem Lärm abgefunden. Als unterwerfe er sich der ihn schädigenden Geräuschkulisse, als sei sie eben zu erdulden. Obwohl es für die überhaupt keinen vernünftigen Grund gibt. Denn auch hier könnte er ja helfen: der Elektromotor, wenn er endlich Alltag würde.

Lärm stresst. Und er macht krank

Wer es schafft, sich an einer viel befahrenen Straße stehend jedes Motorengeräusch wegzudenken, jedes Knattern beim Anfahren eines Mopeds, jedes Wummern eines V8-Motors in einem Sportwagen, der die ganze Straße zum Vibrieren bringt, wird feststellen, dass noch etliche Geräusche übrig bleiben, aber das Grundlärmen wäre verschwunden. Was wäre wohl wieder hörbar, wofür die Ohren inzwischen taub geworden sind?

Lärm stresst. Und er macht krank, das ist nicht neu und vielfach belegt. Er kann in schlimmsten Fällen zu Bluthochdruck führen, zu Herzinfarkten. Da erscheint die Argumentation der Sportwagenfahrer, es sei nur mit Motorengeräusch dasselbe Fahrgefühl, boshaft.

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Elektroautos sind nahezu geräuschlos. Kaum merklich starten sie und fahren schon los. Das birgt auch eine Gefahr. An den teilweise tödlich endenden Unfällen mit den Flüster-Trams war zu sehen, wie sehr sich der Stadtbewohner im Verkehr auch auf sein Gehör verlässt. Autos müssen deshalb zu hören sein, heißt es. Aber Menschen sind lernfähig, sie können sich auch umgewöhnen und wieder auf ihre Umgebung achten lernen. Etliche Verkehrsteilnehmer, Radfahrer wie Fußgänger, setzen sich Kopfhörer auf die Ohren und kommen trotzdem sicher an. Die Diskussion darüber, bei E-Autos die Geräusche von Verbrennungsmotoren künstlich zu erzeugen, zeigt, wie irrsinnig die Debatte inzwischen ist.

Auch die Sehnsucht nach Stille lockt Städter aufs Land

Nach einer Untersuchung des Umweltbundesamtes brächten Elektroautos tatsächlich nicht die absolute Lärmfreiheit – denn bei höheren Geschwindigkeiten sei vor allem das Reiben der Reifen auf der Fahrbahn laut. Das bliebe gleich. Allerdings könnte bei Mopeds, Müllsammelfahrzeugen und ÖPNV-Bussen, die häufig anfahren müssen, wunderbare Stille einkehren. Übrigens wäre das auch beim Laubbläser eine Idee.

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Nicht nur die Natur lockt die Leute aus den Städten auf das Land, sondern auch die Sehnsucht nach Stille. Dieser Vorteil sollte kein ländlicher bleiben. Dabei geht es nicht um die Einführung anti-urbaner Strukturen in eine Umgebung, in der sie nichts zu suchen haben. Stadt muss Stadt bleiben. Ein gewisser Krach gehört dazu. Aber er gehört ja nur insoweit dazu, als dass er nötig ist. Motorengeräusche sind das nach dem neuesten Stand der Technik aber nicht. Es gilt jetzt, die urbane Kakofonie herunterzudimmen.

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