Verkehr in Berlin : Die fahrradgerechte Stadt ist keine Bedrohung

Wenn sich in Sachen Verkehr die Dinge weiterentwickeln wie bisher, wird das Berlin von morgen eine Metropole von gestern sein - und keine lebenswerte Stadt. Ein Kommentar.

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Fahrradfahren in Berlin ist gefährlich.
Fahrradfahren in Berlin ist gefährlich.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Wenn Berlin über den Verkehr debattiert, müssen die Kardiologen Überstunden machen. Vorsorglich beginnt dieser Text deshalb mit der Präambel, dass man als Radfahrer niemals bei Rot, nicht auf Gehwegen und im Dunkeln nicht ohne Licht fahren darf.

Damit zum Wesentlichen: Zum Verkehr auf den Straßen Berlins, die am Sonntag wieder in der Hand von Radfahrern sein werden. „Fahrradstadt Berlin – jetzt!“ heißt das Motto der traditionellen Sternfahrt des ADFC.

Damit ähnelt es der Warnung, die der Verkehrsexperte der SPD vor zwei Wochen im Parlament aussprach: Nach dem Fehler der autogerechten Stadt dürfe man jetzt nicht den Fehler der fahrradgerechten Stadt begehen, sagte Ole Kreins im Abgeordnetenhaus. Ziemlicher Unfug, denn niemand hat die Absicht … Es sei denn, man empfindet eineinhalb Meter zugeparkten Radfahrstreifen zwischen Gehweg und drei Autospuren als Diskriminierung aller Nichtradfahrer. Die fahrradgerechte Stadt ist für Berlin aktuell kein realistisches Bedrohungsszenario.

Halbwahrheiten vom Senat

Aber warum kochen die Emotionen so schnell so hoch? Wohl, weil der Berliner Straßenverkehr in seiner heutigen Form ziemlich gestrig ist: In keinem anderen Alltagsbereich kann ein kleiner – allzu oft von mangelhafter Infrastruktur begünstigter – Fehler so schwere Folgen haben. Die 52 Toten des vergangenen Jahres lassen sich vielleicht noch mit Hinweis auf die Statistik abtun: Mit einem Todesrisiko von 1:67 000 kann man leben. Beim Risiko, zum Krüppel gefahren zu werden, nämlich 1:1720, sieht das schon anders aus. Wachsende Stadt und demografischer Wandel – die Zahl der verunglückten Senioren hat sich binnen zehn Jahren fast verdoppelt – lassen Besserung kaum erwarten. Die Frage, wie wir heil und halbwegs komfortabel von A nach B kommen, wird dringlicher.

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Immer wieder sieht es so aus im Bayerischen Viertel in Schöneberg: Kreuzungsbereiche wie die Regensburger Ecke Ansbacher Straße werden rücksichtslos zugeparkt. Morgens müssen sich Schulkinder zwischen den Autos durchdrängen. Besonders häufige Falschparker sind Mietwagen.Weitere Bilder anzeigen
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heute 09:10Immer wieder sieht es so aus im Bayerischen Viertel in Schöneberg: Kreuzungsbereiche wie die Regensburger Ecke Ansbacher Straße...

Statt sie zu beantworten, wurstelt der Senat mit Halbwahrheiten, die ergänzungsbedürftig sind. Drei Beispiele. Erstens: Die verlängerte Stadtautobahn wird den Autoverkehr bündeln (Senatshälfte). Ja, aber sie wird schon wegen des Zeitvorteils außerhalb der Stoßzeit auch neuen Autoverkehr generieren. Zweitens: Mit 14 Millionen Euro finanziert der Senat den Radverkehr in diesem Jahr.

Autofahren ist nicht mehr zeitgemäß

Ja, aber ein Großteil des Geldes dürfte auch diesmal wieder verfallen, weil die kaputtgesparten Bezirksämter und die Verkehrslenkung des Senats – als Befehlsgeberin der Bezirke im Hauptstraßennetz – überfordert sind. Drittens: Die schlimmsten Gefahrenstellen werden von der Unfallkommission systematisch bearbeitet. Ja, aber diese Kommission schafft pro Jahr nur ein gutes Dutzend der 500 gefährlichsten Orte, die auf ihrer Liste stehen. So wird Verkehrssicherheit zu einer Hoffnung für künftige Generationen.

Autofahren ist nicht böse. Es ist aber in seiner heutigen Art in der Stadt nicht mehr zeitgemäß – in Zeiten von Klimawandel und Zivilisationskrankheiten. Eine Tonne Blech samt Erdölantrieb pro Person sind ebenso Vergeudung wie acht Quadratmeter Abstellfläche in einer Stadt, in der hunderttausende Zuzügler ihren Platz suchen.

Fahrradfahren ist eine Alternative

50 Stundenkilometer in direkter Nachbarschaft von Menschen sind zu viel. Und was aus den Auspuffrohren kommt, reicht immer noch für eine saftige Strafzahlung wegen zu dreckiger Luft, gegen die sich Berlin gerade bei der EU-Kommission wehrt. Mit einer ernsthaft veränderten Prioritätensetzung stünde Berlin dort wohl besser da.

Fahrradverkehr ist – neben dem auf der Kurzstrecke unschlagbaren Laufen – nicht die Alternative, aber eine. Die andere ist der öffentliche Nahverkehr. Doch auch um den muss man sich sorgen: Die S-Bahnen, die jetzt schon dauernd ausfallen, müssen noch viele Jahre durchhalten. Die neuen U-Bahnen reichen gerade, um die ärgsten Lücken zu stopfen, das Busnetz wird nach dem Prinzip der zu kurzen Bettdecke verwaltet, und alle 20 Jahre gibt es zwei Kilometer neue Tram.

Wenn sich die Dinge weiter entwickeln wie bisher, wird das Berlin von morgen eine Metropole von gestern sein. Ohne humaneren Verkehr keine lebenswertere Stadt. Die Alternativen sind bekannt.

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