Verkehr in Berlin : Woher das Chaos auf Straßen und Schienen kommt

Mit dem Auto: im Stau. Bei der U-Bahn: Schienenersatzverkehr. Bei der S-Bahn: Störungen am laufenden Band. Wir präsentieren einen Überblick und suchen die Ursachen.

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Besonders eng ist es seit Montag in Kreuzberg durch die Bauarbeiten an der U 1.
Besonders eng ist es seit Montag in Kreuzberg durch die Bauarbeiten an der U 1.Foto: Foto: Kai-Uwe Heinrich/Tsp

Wer derzeit in Berlin unterwegs ist und nicht aufs Fahrrad ausweichen oder zu Fuß gehen kann, braucht meist Zeit und Geduld. Und das sind täglich Millionen.

Was ist in Kreuzberg los?

Seit Montag fahren auf der U-Bahn-Linie U1 zwischen den Stationen Schlesisches Tor und Hallesches Tor keine Züge. Die BVG baut auf diesem Abschnitt neue Gleise ein. Die Arbeiten waren seit Monaten geplant; die offizielle Mitteilung zur Sperrung kam dann am Freitag. Weil auf umliegenden Straßen parallel gebaut wird, riet die BVG ihren Fahrgästen, den gesperrten Abschnitt der U-Bahn „weiträumig“ zu umfahren, da die als Ersatz eingesetzten Busse die „sehr stark genutzten“ Skalitzer und Gitschiner Straße befahren müssen, auf denen seit Wochen gebaut wird.

Stau ist ein täglicher Zustand, sogar sonntags. Zudem ist in der Nähe auch die Blücherstraße dicht; Ausweichrouten damit fast passé. Immerhin gelang es der BVG am Montag kurzfristig, Sonderfahrstreifen für ihre Busse einzurichten.

Schienenersatzverkehr bei der U1
Schweres Durchkommen: ein Ersatzbus Richtung Warschauer Straße.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Kai-Uwe Heinrich
12.06.2017 16:58Schweres Durchkommen: ein Ersatzbus Richtung Warschauer Straße.

Wie reagiert die Verwaltung?

Vor Jahren gab es das hehre Ziel, Baustellen so zu koordinieren, dass sie sich nicht ins Gehege kommen. Der Senat schuf die Verkehrslenkung Berlin (VLB) – und damit das Chaos. Durch Sparrunden wurde die Behörde personell so ausgeblutet, dass die verbleibenden Mitarbeiter mit der Arbeit nicht nachkamen. Baufirmen mussten zum Teil jahrelang auf eine Genehmigung warten. Auch bereits finanzierte Vorhaben mussten warten.

Erst seit wenigen Jahren steuert die Senatsverkehrsverwaltung gegen. Als der heutige Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) Verkehrssenator war, gab es erstmals wieder mehr Stellen für die VLB. Von 108 seien sie inzwischen auf 126 gestiegen, sagte der Sprecher der Verwaltung, Matthias Tang, am Montag. Zudem sei ein Organisationsgutachten, das Schwachstellen in der täglichen Arbeit ausmerzen soll, auf den Weg gebracht, aber noch nicht abgeschlossen.

Und auch bei der Suche nach einem neuen Chef der VLB sei man „relativ weit“. Der langjährige Leiter Jörg Lange war 2015 vom damaligen Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) geschasst worden. Seither steht der ehemalige Geschäftsführer der Stadtgüter, Peter Hecktor, kommissarisch an der Spitze der Behörde. Die erste Ausschreibung für einen Dauer-Nachfolger war gescheitert.

Dass immer noch einiges im Argen liegt, zeigt das aktuelle Beispiel Kreuzberg. Man sei dabei zu prüfen, wie es zu den Doppelbaustellen kommen konnte, sagte Tang. Auch in Spandau hatte es mit der Koordination nicht geklappt. Auf beiden Zufahrtsstraßen nach Gatow/Kladow wird gebaut; eine Umfahrung der Baustellen ist höchstens über den Wannsee mit der Fähre der BVG möglich.

Am Montag gab es bei der S-Bahn wieder Weichen- und Signalstörungen.
Am Montag gab es bei der S-Bahn wieder Weichen- und Signalstörungen.Foto: Ralf Hirschbe/picture alliance

Wer schlägt noch zu?

Die beste Organisation ist machtlos, wenn Bauarbeiten überraschend kommen. Wesentlich dazu bei tragen Rohrbrüche im Netz der Wasserbetriebe. Zwei sind es nach Angaben von Sprecher Stephan Natz im Durchschnitt täglich im Winter mehr, im Frühjahr weniger. Aktuell gibt es Einschränkungen auf der Landsberger Allee. Anfang Juni musste die BVG ihre Buslinien TXL (Flughafen Tegel–Alexanderplatz) und 245 (Zoo– Hauptbahnhof) verkürzen, weil der Stau nach einem Rohrbruch unter der Invalidenstraße auf den umliegenden Straßen zu groß war.

Ein im August 2016 geplatztes Rohr hatte auf dem Mariendorfer Damm zu monatelangen Sperrungen geführt wie Anfang des Jahres auf den Straßen vor dem Rathaus Schöneberg. Die Arbeiten ziehen sich oft in die Länge, weil die Wasserbetriebe häufig geplante Arbeiten vorziehen, wenn die Straßen ohnehin aufgebuddelt sind.

Geht es auch besser?

Ja! Weil die Wasserbetriebe auf dem Tempelhofer Damm zwischen Platz der Luftbrücke und Borussiastraße drei altersschwache Abwasserdruckleitungen ersetzen müssen, haben sich bereits im Vorfeld Vattenfall, die BVG, die Gasag, die Tempelhof Projekt GmbH sowie die Senatsverkehrsverwaltung und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg den Planungen angeschlossen, sodass nur einmal gebuddelt – und gesperrt – werden muss. Alle notwendigen Tief-, Leitungs- und Straßenbauarbeiten finden nun koordiniert statt – zum ersten Mal in Berlin. Möglich macht dies eine gemeinsame Datenbank. Gebaut werden soll aber erst 2022 bis 2025.

Wo wird dieses Jahr gebaut?

In den Sommerferien werden Straßenbauarbeiten auf den Autobahnen konzentriert. Auf der Rudolf-Wissell-Brücke steht ein Austausch der Fahrbahndecke auf dem Programm, wobei – wie berichtet – teilweise ein neues Verfahren angewendet wird, das die Bauzeit verkürzt. Abdichtungs- und Asphaltierungsarbeiten gibt es auch auf der Überleitungsbrücke von der A 100 auf die Avus vor dem ICC, die deshalb voll gesperrt wird. Und auf dem Schönefeld-Zubringer A113 müssen die erst 2005 aufgebrachten Betonfahrbahnen durch Asphalt ersetzt werden, weil sie brüchig geworden sind. Sie haben „Betonkrebs“.

Was macht die S-Bahn?

Die S-Bahn meldet tapfer fast jede Störung im Netz. Und in den vergangenen Tagen gab es viel zu lesen. Am Montag waren es wieder Weichen- und Signalstörungen, die den Verkehr durcheinanderwirbelten. Verspätungen und Zugausfälle waren die Folge. Zuständig ist hier der Bereich Netz der Bahn AG, der die Infrastruktur in Schuss halten muss. Vor allem die Signaltechnik ist veraltet; teilweise arbeitet die Bahn hier noch mit der Technik aus der Anfangszeit des elektrischen Betriebs in den 1920er Jahren. Derzeit wird die Technik umgestellt, was aber noch Jahre dauert.

Alltag für Autofahrer: Stau wie hier auf einer Zufahrtsstraße zum Großen Stern.
Alltag für Autofahrer: Stau wie hier auf einer Zufahrtsstraße zum Großen Stern.Foto: dpa

Mit hochmoderner Technik versucht die Bahn jetzt auch, Weichenstörungen zu vermeiden. Sensoren messen beim Umstellen die Kraft, die der Weichenmotor aufbringen muss, um die Schienen zu bewegen. Überschreitet der Stromfluss einen zuvor ermittelten Durchschnittswert, ist dies ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Ein Reparaturtrupp kann dann losgeschickt werden, um die Anlage in Ordnung zu bringen, bevor sie komplett ausfällt. Allein im Netz der S-Bahn gibt es 676 Weichen.

Aber nach wie vor fallen Züge auch aus, weil es Defekte an den Fahrzeugen gibt. Am Montag traf es einen Zug auf der Linie S2 (Bernau–Blankenfelde). Verspätungen und Zugausfälle waren die Folge. Auf dem Ring mit seinen besonders vielen Fahrgästen war im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der Störungen von der S-Bahn selbst verursacht worden. In den Bereich Netz entfielen 15,2 Prozent, und 32,1 Prozent der Störungen waren auf „externe Einflüsse“ zurückzuführen. Dazu gehören zum Beispiel Kabeldiebstähle wie am vergangenen Sonntag. Gleich zwei Mal hatten Diebe zugelangt: in Pankow und Schönholz. Der Verkehr musste teilweise eingestellt werden.

Wie geht es Radfahrern?

Radfahrer stehen selten im Stau, müssen sich aber häufig gefährden, wenn sie sich in den fließenden Verkehr einfädeln müssen, weil Falschparker die Radstreifen blockieren. In dieser Woche gibt es hier Schwerpunktkontrollen, die sich auch auf Busspuren und das Parken in zweiter Reihe erstrecken. Ein Einschreiten gegen die „Sünder“ macht den Verkehr flüssiger und sicherer. Allerdings gehört das gezielte Vorgehen noch nicht zum Alltag. Aber vielleicht wird das ja noch.

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