Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) : Das Land Berlin sollte am Zug sein

Der Verkehr bleibt ohne neue Schienenfahrzeuge auf der Strecke. Sind Bahn, Bus und Tram auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet oder droht der Verkehrsstillstand?

Jürgen Ackermann
Eine neue U-Bahn erfreut Hans-Christian Kaiser, U-Bahn-Direktor der BVG. Ab 2015 werden zwei "Vorserienfahrzeuge" im Kleinprofil der U-Bahn-Linien U1 bis U4 getestet.
Eine neue U-Bahn erfreut Hans-Christian Kaiser, U-Bahn-Direktor der BVG. Ab 2015 werden zwei "Vorserienfahrzeuge" im Kleinprofil...Foto: Mike Wolff

Berlin, seine Bevölkerung und Wirtschaft sind auf Wachstumskurs. Auch bei Touristen aus aller Welt wird die Hauptstadt immer beliebter. Die Besucherströme reißen nicht ab. Aber wie sieht es mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) aus? Jürgen Ackermann sprach mit Christfried Tschepe, Chef des Berliner Fahrgastverbandes IGEB e. V..

Herr Tschepe, bis 2030 wird Berlins Bevölkerung Prognosen zufolge um 254 000 auf 3,752 Mio. Menschen anwachsen. Ist Berlins öffentlicher Personennahverkehr darauf eingestellt?
Nein. Am gravierendsten ist der Fahrzeugmangel. Bekanntermaßen wird es bei der S-Bahn noch für viele Jahre zu wenig Züge geben, weil durch die vom Land Berlin verschleppte Ausschreibung des S-Bahn-Verkehrs die notwendige Entwicklung eines neuen S-Bahn-Fahrzeuges noch nicht begonnen werden konnte. Weniger bekannt ist bisher, dass die Situation bei der BVG nicht besser ist. Die Bestellung neuer Züge für das Kleinprofilnetz – Linien U1 bis U4 – reicht nicht aus, um künftig mehr oder längere Züge fahren zu können. Noch schlimmer ist die Lage beim Großprofilnetz – U5 bis U9. Hier ist der Fahrzeugbestand schon heute zu knapp, die Situation wird sich mit der Verlängerung der U5 zum Hauptbahnhof 2019 verschärfen. Es muss dringend mit der Entwicklung und Bestellung neuer zusätzlicher Fahrzeuge für das nächste Jahrzehnt begonnen werden. Nur dann wird die BVG das Fahrplanangebot der wachsenden Nachfrage entsprechend erweitern können.

Und wie steht es mit der Straßenbahn?
Leider sieht es hier kaum besser aus. Allerdings gibt es bei der Straßenbahn immerhin die Möglichkeit, mehr Züge vom neu entwickelten Fahrzeug „Flexity“ zu bestellen. Die Weichen dafür müssen aber jetzt gestellt werden, denn bei der Straßenbahn sind schon bald weitere Fahrgastzuwächse zu erwarten. Ein Grund sind die überdurchschnittlichen Einwohnerzuwächse in Bezirken mit dichtem Straßenbahnnetz, insbesondere Pankow. Ein anderer Grund sind die dringend erforderlichen Erweiterungen des Straßenbahnnetzes nach Westen. Hier ist die Berliner Mauer immer noch ablesbar.

Wo sehen Sie derzeit die größten Bremsklötze für den öffentlichen Personennahverkehr in Berlin?
Es fehlt in der Berliner Politik das Bewusstsein, dass eine wachsende Stadt nicht nur mehr Wohnungen braucht, sondern auch mehr Bahnen und Busse.
Erst kürzlich hat der BUND kritisiert, Berlins Metro-Busse kämen nur noch im Schneckentempo voran. Droht bald der Stillstand?
Stillstand droht sicher nicht, aber die BUND-Kritik ist absolut berechtigt. Von einer Beschleunigung der Straßenbahnen und Busse würden nicht nur die Fahrgäste profitieren, sondern die BVG könnte jedes Jahr über zehn Millionen Euro sparen, weil sie für die langsamen Linien zusätzliche Fahrzeuge und zusätzliches Personal braucht.

Gibt es Konzepte, um den öffentlichen Verkehr in der Stadt zu optimieren?
Konzepte gibt es viele, aber sie werden vielfach nicht umgesetzt. Die seit Jahren geplante, aber nicht umgesetzte Beschleunigung von Straßenbahnen und Bussen ist ein Beispiel dafür. Dabei wurden für die Beschleunigung schon viele Millionen Euro zum Beispiel in Ampeltechnik investiert. Auch Konzepte für die Erweiterung des Straßenbahnnetzes nach Westen wurden gleich nach der Wende erarbeitet, aber bisher größtenteils nicht umgesetzt. Gleiches gilt für mehrere S-Bahn-Projekte, zum Beispiel die Verlängerung vom Bahnhof Spandau Richtung Falkensee.

Der Berlin-Tourismus jagt von Rekord zu Rekord. Für 2013 rechnet die Investitionsbank Berlin (IBB) mit mehr als 26 Mio. Übernachtungen. Ist der öffentliche Personennahverkehr darauf eingestellt?

Extralinien für Touristen sind nicht erforderlich. Aber um die Angebote vor allem in der Innenstadt verbessern zu können, werden, wie bereits erläutert, dringend zusätzliche Fahrzeuge benötigt. Es ist ein großes Plus für die Touristen, dass der Berliner Nahverkehr faktisch alle relevanten touristischen Ziele erschließt, sei es das Brandenburger Tor oder die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, sei es das Kneipenviertel an der Simon-Dach-Straße. Und das Tag und Nacht.

Stichwort Vernetzung: Was schlagen Sie vor, damit das Zusammenspiel der Verkehrsträger noch besser funktioniert?
Ein Kernproblem ist das Thema Umsteigen. Wie oft müssen unnötige Wege zurückgelegt werden, weil zum Beispiel Bushaltestellen zu weit von den Kreuzungen oder Bahnhofszugängen entfernt sind. Außerdem sind die Fahrpläne zu oft schlecht abgestimmt.

Die Erwartungen an den Berliner ÖPNV sind groß, der Finanzspielraum ist dagegen äußerst limitiert. Lässt sich im Sinne der Gäste von Bus und Bahn beides in Einklang bringen?
Zum einen müssen die Einsparpotenziale wie z. B. durch die Busbeschleunigung ausgeschöpft werden. Zum anderen können mit attraktivem öffentlichem Verkehr Gelder für den Straßenausbau eingespart werden. Außerdem leistet der öffentliche Verkehr einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz. Mit S-Bahn, U-Bahn und Straßenbahn ist Berlin längst im Zeitalter der umweltfreundlichen und energieeffizienten Elektromobilität angekommen. Vor allem aber gilt für den öffentlichen Verkehr: Es fehlt nicht Geld, sondern die Bereitschaft, von den vorhandenen Geldern mehr für Bahnen und Busse auszugeben, um den Herausforderungen der wachsenden Stadt gerecht zu werden.

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