Radfahren in Berlin : Falschparken gegen die "Radfahrer-Hölle"

Am "internationalen Falschparker-Tag" wollen Fahrradfahrer gegen Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr protestieren. Dafür stürzen sie Kreuzberg für kurze Zeit in ein Verkehrschaos.

Martin Niewendick
Weil sie in zweiter Reihe parken, müssen sich die Aktivisten mit der Polizei auseinandersetzen.
Weil sie in zweiter Reihe parken, müssen sich die Aktivisten mit der Polizei auseinandersetzen.Foto: Martin Niewendick

Für zehn Minuten geht nichts mehr auf der Oranienstraße. Mehrere LKW, Doppeldeckerbusse und zahlreiche Autos verstopfen die Straße an der Ecke Heinrichplatz. Polizisten und neugierige Passanten wuseln umher. Heinrich Strößenreuther steht am Straßenrand und nippt zufrieden an seinem Kaffee. Genau das war sein Ziel.

Der 47-Jährige hat am Mittwoch zum „ersten internationalen Falschparker-Tag“ nach Kreuzberg geladen. In mehreren Städten, darunter auch Amsterdam und Hamburg, wollen Radfahrer an diesem Tag ein Zeichen gegen rücksichtslose „Imwegstehzeuge“ setzen. Damit sind vor allem Autos gemeint, die falsch oder in zweiter Reihe parken und so andere Verkehrsteilnehmer behindern oder gefährden. Nun haben die rund zehn Demonstranten den Spieß umgedreht. Einer hat ein solarbetriebenes Fahrrad mitgebracht, ein anderer gleich eine Rikscha. Ihre Gefährte haben sie in zweiter Reihe vor einem Café geparkt. Hier ist eigentlich Halteverbot. Schon kurze Zeit später ist das Verkehrschaos perfekt.

"Egoistisches Verhalten der Autofahrer"

Das Internet-Portal „Wegeheld“ hat vor kurzem ermittelt, dass vor allem große und teure Autos wie der Land Rover zu den Falschparkern zählen. Auch in der Oranienstraße behindern an diesem Mittwoch in erster Linie Fahrzeuge der exklusiveren Bauart die Durchfahrt. Nun werden sie ausgerechnet von Fahrrädern blockiert.

„Wir wollen auf das egoistische Verhalten von Autofahrern aufmerksam machen“, sagt Strößenreuther dem Tagesspiegel. „Gerade die Oranienstraße gilt als Radfahrer-Hölle Berlins.“ Mit der Aktion will er auch auf eine Petition an das Verkehrsministerium hinweisen. Darin wird gefordert, die Bußgelder für „Zuparker“ anzuheben.

Heinrich Strößenreuther (rechts) ist zufrieden.
Heinrich Strößenreuther (rechts) ist zufrieden.Foto: Martin Niewendick

Auch Bettina Hartz beteiligt sich an der Aktion. Sie wird gerade von zwei schnell angerückten Polizeibeamten in schusssicheren Westen von der Straße komplimentiert. „Bei falsch parkenden Autos kommt die Polizei nie, bei uns aber sofort“, sagt die 40-Jährige. „Ich habe hier noch nie eine Politesse gesehen.“ Tatsächlich nehmen die Beamten von den offensichtlich im Halteverbot stehenden Fahrzeugen keine Notiz. „Wir müssen noch einen Verkehrsunfall aufklären, das ist wichtiger“, entschuldigt sich einer von ihnen.

Währenddessen schwärmen einige Rad-Rebellen aus und verteilen als Strafzettel getarnte Protestnoten auf den Windschutzscheiben der parkenden Verkehrssünder. Dort ist der Ton wesentlich rauer: „Ihr egoistisches und illegales Verhalten kann nicht weiter toleriert werden“, steht da. Und: „Seien sie froh, dass dieser Tag nur heute ist.“

Ärger mit dem Ordnungsamt

Dem kann sich Sophia-Maria Antonulas nur anschließen. Auch sie erlebt den täglichen Verkehr als Zumutung für Radfahrer. Sie betreibt den Shop „ibike.berlin“, auf dem sie Fahrrad-Fanartikel verkauft. Ihre Ware liefert sie mit ihrem Lastenfahrrad aus. „Mir hat das Ordnungsamt mal gesagt, ich würde mit meinem Lastenrad Autos den Parkplatz wegnehmen“, empört sie sich. Dabei sei sie aus beruflichen Gründen auf ihr Gefährt angewiesen.

Nach zehn Minuten entspannt sich die Situation in der verstopften Oranienstraße wieder. Die Polizei hat sich mit den Demonstranten vertragen, der Verkehr fließt langsam weiter. „Das passiert Radfahrern täglich“, sagt Heinrich Strößenreuther mit Blick auf die Verkehrsblockade. Mission erfüllt. Auch Sophia-Maria Antonulas hält die Aktion für gelungen. „Wir haben unseren Standpunkt rübergebracht.“

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