Rasende Rolltreppen : Prag, du hast es schneller - nicht mehr lange

Und wir Berliner denken, dass Rolltreppen in U-Bahnen nerven? Fragen Sie mal nach in Prag! Helmut Schümann über EU-Normen und rasende Rolltreppen in europäischen Metropolen.

Helmut Schümann

Kaum ist die besinnliche Zeit und die Suche nach ihrem Sinn beendet, weckt uns eine Meldung auf, die belegt, dass nichts Besinnliches mehr ist in dieser Welt, sondern das Tempo dieser Zeit immer noch keine Kleinigkeit ist. Bewohner in von Touristen stark frequentierten Zonen, also etwa Berlin, kennen das Problem. Man steht besinnlich unten auf der Rolltreppe, rechts, wie es sich gehört, oben fährt die U-Bahn ein. Man hetzt hoch, fährt nicht stehend auf der Rolltreppe, sondern hetzend. Zwei, drei Stufen können so überwunden werden. Und dann, immer dann, wenn oben die U-Bahn einfährt, steht ein Tourist auf der linken Seite, bestaunt die Errungenschaft der Technik und die fahrende Treppe und hält den Koffer rechts neben sich. Kein Durchkommen. Gerne bleibt der Tourist am Ende der Rolltreppe auch kurz stehen und staunt, dass die U-Bahn tatsächlich ohne den drängelnden Einheimischen abfährt. Ob Adventszeit oder Nach-Adventszeit oder Vor-Adventszeit, der Sinn des Einheimischen, der gerade wegen eines dämlichen Linksstehers die U-Bahn verpasst hat, steht dann nach sehr Unbesinnlichem.

Prager, auch stark von Touristen frequentiert, kennen das Phänomen ebenfalls. Nur dass dort bislang alles viel schneller ging. Mit sagenhaften neun Stundenkilometern rauscht dort an manchen Metro-Stationen die Rolltreppe in den Schacht und aus ihm heraus. Man muss natürlich jetzt, schon aus Gründen der Nachdenklichkeit und des Innehaltens und des Insichgehens, klagen, dass das Leben so furchtbar schnell geworden ist, keiner sich mehr Zeit nimmt für die wahren Werte, und auch, dass es kein Vergnügen ist, mit neun Stundenkilometern auf den am Ende der Rolltreppe stehenden Touristen zu prallen. Aber das ist gar nicht nötig, weil auch die Prager und ganz Prag und also auch die Prager Rolltreppen der Europäischen Union angehören. Die Euronorm EN 115 regelt den Rolltreppenverkehr. Sie verfügt, dass eine Rolltreppe sich mindestens mit 1,8 Stundenkilometern bewegen darf und höchstens mit 2,7. Langsamere Treppen kommen zumeist in Kaufhäusern zum Einsatz, da wo die Menschen verbleiben sollen, die schnelleren in den U-Bahnhöfen. Die Prager Verkehrsbetriebe müssen nun umbauen. Bis 2015 haben sie Zeit, sich der EU anzupassen, das Ganze wird etwa 2,8 Millionen Euro kosten. Dass es dann mit 2,7 Stundenkilometern in Prag oder anderswo besinnlicher zugeht, darf stark bezweifelt werden.

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