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Verkehrschaos beim "Lollapalooza" : Festivalmacher sehen Fehler bei der Bahn

Die Rückfahrt wurde für viele Besucher zur Odyssee, 40 Personen sind beim Warten kollabiert oder wurden verletzt. Wer ist schuld an dem Chaos und wie geht es heute weiter?

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Mega-Event. Rund 85.000 Besucher kamen am ersten Festivaltag nach Hoppegarten - und wollten auch wieder zurück nach Berlin. Foto: Jens Kalaene/dpa
Mega-Event. Rund 85.000 Besucher kamen am ersten Festivaltag nach Hoppegarten - und wollten auch wieder zurück nach Berlin.Foto: Jens Kalaene/dpa

Am Ende des ersten Tages war der Ärger bei vielen Gästen des Lollapalooza-Festivals groß. Drei Stunden oder länger, so schreiben viele auf Facebook und auf Twitter, hätten sie vom Gelände bis ins Berliner Stadtzentraum gebraucht - der Transport mit S-Bahnen und Shuttlebussen sei völlig unzureichend und chaotisch geplant gewesen. Im Gedränge der Wartenden haben mehrere Menschen Kreislaufzusammenbrüche erlitten oder sich verletzt. Schon für die Organisation der Anfahrt am Nachmittag gab es Kritik.

"Wir wussten, dass es eine Herausforderung wird", sagt Lollapalooza-Sprecher Tommy Nick über die Situation in der Nacht. "Und wir haben versucht, die Besucher dafür zu sensibilisieren." Am Samstagnachmittag wurde darum über große LED-Bildschirme und die sozialen Netzwerke informiert, dass es "voraussichtlich ab 22.30 Uhr zu mittleren und ab 23 Uhr zu längeren Wartezeiten" kommen könnte.

Zu den Verletzten und den zahlreichen Fällen von Kreislaufzusammenbrüchen sagte Nick, dass so etwas "bei Events dieser Größe" immer wieder passiere. "Da sind manche dehydriert und waren den ganzen Tag auf den Beinen."

Die Polizei sperrte den Bahnhof Hoppegarten gegen Mitternacht wegen des großen Andrangs nach dem letzten Konzert ab. „Bahnsteig und Züge waren extrem voll“, sagte Polizeisprecher Thorsten Peters. Bis gegen 2 Uhr früh sei der Zugang zum Bahnsteig nur geöffnet worden, wenn eine S-Bahn am Bahnsteig stand. Ohne die Absperrung wäre das Risiko zu groß gewesen, dass Menschen vom Bahnsteig in die Gleise stürzen. In der Spitze hätten auf dem Vorplatz der Station 5000 Menschen auf die Heimreise gewartet, schätzt die Bundespolizei. 40 von ihnen mussten wegen Kreislaufproblemen von Sanitätern behandelt werden, einige mussten wegen ernsterer gesundheitlicher Probleme in Krankenhäuser gefahren werden. Die Stimmung auf dem Vorplatz sei aber friedlich gewesen. „Gegen 2 Uhr entspannte sich die Lage“, sagte Peters.

Nach seinen Angaben sind am Sonnabend über den Tag verteilt 59.000 Menschen mit der S-Bahn zum Festival gereist. Bei der Abreise wurden 22.000 Richtung Berlin gezählt und 3000 Richtung Strausberg. Der Rest habe sich andere Wege für die Rückfahrt gesucht, nachdem die Veranstalter per Lautsprecher durchgesagt hatten, dass die S-Bahnen überfüllt sei.

Der Einstieg in die Busse war unkoordiniert

Doch warum strömten überhaupt so viele Menschen zum S-Bahnhof, obwohl der Veranstalter nach eigenen Angaben rund 200 Reisebusse zum Rücktransport nach Berlin bestellt hatte? „Der Busshuttle vom Festivalgelände in Richtung Berlin hat nicht so funktioniert wie geplant“, sagt Hoppegartens Bürgermeister Karsten Knobbe (Die Linke). Er war bis drei Uhr früh in der Koordinationsstelle des Festivals auf dem Rennbahngelände, bekam die Pannen also unmittelbar mit. Der Einstieg in die Busse und deren vorgesehene rasche Abfahrt hätten sich extrem verzögert, sagt Knobbe. „Das war unzureichend koordiniert.“

Zum einen hätten sich „viel zu viele Menschen auf einmal“ zu jedem bereitstehenden Bus gedrängt. Knobbe: „An den sechs Einstiegspunkten am Parkplatz der Rennbahn wurden keine Schleusentore genutzt, um jeweils nur die maximale Fahrgastzahl durchzulassen. Und kam ein Bus endlich los, dann hatte der Fahrer ein weiteres Problem. Er musste ständig bremsen, weil ihm auf der Abfahrtstrecke Festivalgäste entgegenkamen. Kein Ordner hielt sie fern." Versäumt wurde nach Knobbes Darstellung zudem, die Gäste auf den großen Bühnenscreens rechtzeitig und deutlich genug über alle Abfahrtsmöglichkeiten und Abläufe zu informieren. „Hinweise auf Tickets und Websites reichten offensichtlich nicht aus.“

Die Züge kamen schon in voll in Hoppegarten an

Warum gab es keine höhere Taktung der S-Bahn in der Nacht? "Das haben wir vorab mehrfach beantragt", sagt Sprecher Tommy Nick und verwies auf mehrere Treffen mit Bahn, BVG, Polizei und Rettungskräften. "Die Bahn hat das abgelehnt, mit der Begründung, es gebe nicht genügend Personal."

Das wollte ein Bahnsprecher am Samstag nicht bestätigen. Er sagte, dass mit dem Veranstalter eine Taktverdichtung von 20 auf zehn Minuten vereinbart worden sei. Der letzte Zug in diesem Takt sei um 0.39 Uhr in Hoppegarten abgefahren – zu einer Zeit also, als es dort besonders voll war. Dies sei geplant gewesen. Wieso nicht spontan der Zehn-Minuten-Takt bis in die Nacht verlängert worden sei, konnte der Bahnsprecher nicht sagen.

Der geplante Takt habe am späten Abend ohnehin nicht mehr eingehalten worden können. Die Züge seien dann abgefahren, wenn die Bundespolizei die Freigabe erteilte, an einen Fahrplan habe man sich nicht mehr halten können. „Es ging nur noch um die Sicherheit“, sagte der Sprecher. Problematisch sei gewesen, dass viele Züge schon voll in Hoppegarten angekommen seien - in Neuenhagen hatte ein Oktoberfest stattgefunden. Ein noch dichterer Takt, zum Beispiel alle 5 Minuten, sei derzeit auf dieser Strecke nicht möglich. Denn wegen einer Baustelle gibt es in Hoppegarten derzeit nur ein Gleis. In Absprache mit dem Veranstalter seien Züge mit acht Wagen gefahren, sonst werden auf der Strecke nur Züge mit vier oder sechs Wagen eingesetzt.

Informationen für die nächtliche Heimreise gab es für die Besucher kaum. S-Bahn und BVG hatten – wie üblich – am Abends ihren Twitter-Service eingestellt. Auch vor Ort sei zu wenig Personal gewesen, berichteten Besucher. Bei der Bahn räumte man ein: „Wir müssen hier dazulernen.“

Am heutigen Sonntag werde wieder der Zehn-Minuten-Takt bis kurz nach Mitternacht angeboten, hieß es bei der Bahn, die noch einmal betonte, dass sie viel unternommen habe, um für die Fahrgäste die An- und Abreise zum Festival zu verbessern. Neben der Takt-verkürzung seien auch die Schichten verstärkt und auf den S-Bahnhöfen sei zusätzliches Personal eingesetzt worden.

Vorwürfe seitens der BVG

BVG-Sprecherin Petra Reetz sagte, dass der Veranstalter keine zusätzlichen Fahrten bei der U-Bahn bestellen – und damit bezahlen – wollte. Spontan habe die BVG am Sonnabend zwei zusätzliche Züge auf der U5 eingesetzt. Der Bahnhof Elsterwerdaer Platz, zu dem auch Shuttlebusse fuhren, sei zwar sehr voll gewesen, „man kam aber weg“, sagte Reetz.

Wie es bei der BVG weiter hieß, habe der Veranstalter es abgelehnt, die Eintrittskarten mit einem VBB-Ticket zu kombinieren. Dies ist bei großen Veranstaltungen oder Konzerten sonst üblich.

"Ein solches Chaos ist peinlich für Berlin"

Aus Sicht des SPD-Abgeordneten Daniel Buchholz, Mitglied im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses, macht das Debakel klar, „dass solche Megaevents doch besser in die Stadt gehören“. Das Olympiastadion, Maifeld oder das Tempelhofer Feld seien einfach „erheblich günstiger verkehrsmäßig angebunden“. Sollten zunehmende Klagen von Anwohnern wegen befürchteter Lärm- und Müllbelästigungen dies aber verhindern, so müsse Berlin auch fähig sein, große Festivals „am Stadtrand gut hin zu bekommen“. Buchholz: „Dann müssen sich die Veranstalter und Behörden eben entsprechend anstrengen. Ein Chaos wie in Hoppegarten ist für die Stadt doch extrem peinlich.“

Die Festivalmacher entschuldigten sich am Sonntag im Netz bei den Besuchern und betonten, dass man versuche, die Situation am Sonntag besser zu organisieren.

Die Informationen über die LED-Monitore sollen deutlicher werden, gerade auch was die vier Ausgänge betrifft - die Organisatoren fordern die Besucher auf, den Ausgang zu nehmen, durch den sie auch auf das Gelände gekommen sind. Ob sich daran alle halten, ist indes eine andere Frage. Außerdem sollen laut Nick mehr Busse eingesetzt werden - wie viele mehr, konnte der Sprecher allerdings noch nicht sagen. Und ein Problem kommt heute dazu: Die letzte S-Bahn fährt um 0.39 Uhr, die letzte U5 vom Elsterwerdaer Platz um 0.40 Uhr. Danach sollte Schluss sein.

Vergleichsweise positiv äußerte sich immerhin Sven Francke, Sprecher des "Aktionsbündnisses für den Erhalt der Rennbahn im Grünen" über die Auswirkungen des Festivals auf Hoppegarten: "Die Anwohner fühlten sich rundum sicher", sagte er nach dem ersten Festivaltag. Die Ordner seien freundlich, aber bestimmend gewesen, das befürchtete Verkehrschaos in den Anwohnerstraßen und auch das Müllchaos seien ausgeblieben. Spürbar sei allerdings die Lärmbelästigung gewesen, auch sei bis 23.30 Uhr gespielt worden, eine halbe Stunde länger als im OVG-Beschluss festgelegt. Die Situation bei der Abreise konnte Franke aber ebenfalls nur mit einem prägnanten Wörtchen zusammenfassen: "Chaos".

Am zweiten Abend lief es offenbar besser

Ein Hoffnungsschimmer, dass es am zweiten Abend glatter laufen könnte, tauchte am Sonntagabend immerhin auf. Die Veranstalter twitterten jedenfalls gegen 20.30 Uhr:. „Die S-Bahnen vom S-Bahnhof Hoppegarten in die Innenstadt werden heute bei Bedarf länger fahren.“ Gleichzeitig aber mahnten sie: „Bitte plant Eure Abreise dennoch frühzeitig.“

Hoppegartens Bürgermeister Knobbe konnte gegen 21. 30 Uhr bereits eine kontinuierliche Abreise von Besuchern per S-Bahn und Shuttlebus melden, der sich etwas später, nach dem Konzert der Foo Fighters, sicher verstärken werde. Es könnten jetzt immer zwei Busse gleichzeitig abfahren, würden nicht mehr durch Besucher behindert, auch sei die Kommunikation deutlich verbessert. Seine Einschätzung der Lage: „Verhalten optimistisch.“

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