Verkehrssicherheit in Berlin : Eine Stadt sieht rot

Die "Ampelfrauenquote" ist nur eines der Projekte für mehr Fußgängersicherheit. Doch blinkende Ampeln und Count-Down-Systeme überzeugen die Berliner nicht.

Vinzenz Greiner
Getestet werden sie schon, die Berliner "Ampelfrauen".
Getestet werden sie schon, die Berliner "Ampelfrauen".Foto: dpa

Als das grüne Ampelmännchen erlischt, um kurz darauf wieder aufzublinken, setzt Torsten Resa zum Spurt an. Nur noch wenige Meter und er hat die Straße überquert. Plötzlich biegt ein orangefarbener Müllwagen ein und rauscht knapp an dem 50-Jährigen vorbei. Hier an der Jannowitzbrücke, wo sich mehr als 20 Spuren von Stralauer Straße, Alexander- und Holzmarktstraße verknoten, haben offenbar noch nicht alle verstanden, dass das grüne Ampelmännchen mit seinem Blinken eigentlich sagen will: Fußgänger können die Fahrbahn noch „sicher queren“. So heißt es bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.

Während die BVV in Mitte am heutigen Abend über die Einführung von Ampelfrauen diskutiertein Vorschlag der SPD – gibt es in der Stadt bereits mehrere Pilotprojekte, um den Straßenverkehr sicherer zu machen. Im Falle der grün blinkenden Ampeln hatte sich die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an Österreich und den Niederlanden ein Beispiel genommen und im Dezember 2012 das neue Signal an drei Berliner Kreuzungen installiert – versuchsweise bis vermutlich Herbst dieses Jahres. Um die „Signalisierung für Fußgängerinnen und Fußgänger wie Autofahrer zu erhöhen“, so das Ziel. Um die Fußgängersicherheit in Berlin ist es nämlich nicht gut bestellt. „So eine Art gelbes Licht für Fußgänger ist da schon sinnvoll,“ sagt Torsten Resa. Doch genauso wie bei der Ampel für Autofahrer, deutet jeder dieses Signal zwischen Rot und Grün anders.

"Fußverkehrsfreundliche Ampeln" seit 2012

Eine andere Fußgängerin schlendert einfach weiter. „Wenn es blinkt, habe ich ja noch viel Zeit“, sagt die junge Italienerin lächelnd, die gleich um die Ecke wohnt. Andere hetzen dagegen an der Jannowitzbrücke über den warmen Asphalt. Eine Frau mit Kinderwagen auf der gegenüberliegenden Straßenecke bleibt lieber stehen. Wegen des Kindes ist sie lieber vorsichtig.

"Warn-Blinker". Wenn das rote Ampelmännchen am Stuttgarter Platz in Charlottenburg blinkt, sollten Fußgänger die Fahrbahn räumen.
"Warn-Blinker". Wenn das rote Ampelmännchen am Stuttgarter Platz in Charlottenburg blinkt, sollten Fußgänger die Fahrbahn räumen.Foto: Vinzenz Greiner

Ähnlich geht es einer Frau, die am Stuttgarter Platz in Charlottenburg wartet, bis es wieder grün wird. Auch hier gibt es seit Ende 2012 „fußverkehrsfreundliche Ampeln“, die allerdings rot blinken, wenn es Zeit wird, die Fahrbahn zu räumen. „Wenn ich die Kreuzung gut kennen würde, dann würde ich vielleicht auch rübergehen, wenn es schon blinkt“, sagt sie. „Aber in meinem Zustand geht das eh nicht“, sagt sie lachend und deutet auf ihren Bauch, achter Monat.

Auf der anderen Seite des Platzes zieht eine Frau ihren Koffer über die Kaiser- Friedrich-Straße. Sie schaut nach oben zum in nervösem Rot blinkenden Ampelmännchen und zieht noch schneller. „Ich wusste: jetzt muss ich schnell machen“, sagt die Zehlendorferin. Prinzipiell sei es ihr aber egal, in welcher Farbe eine Ampel blinke. Ob rot wie hier, oder an der Charlottenstraße in Mitte oder an der Lietzenburger Straße, Ecke Joachimstaler Straße. Das grüne Blinken an der Jannowitzbrücke, in Moabit an der Ecke Paulstraße/Lüneburger Straße und an der Yitzhak-Rabin-Straße im Tiergarten, wäre auch in Ordnung. Es sei ja in jedem Fall tröstlich zu wissen, wann man rechtzeitig gehen müsse.

90 000 Euro für Zebrastreifen-Displays

In Berlin gibt es auf Probe insgesamt 40 Count-Down-Signale, die dem Fußgänger zeigen, wie viel Zeit noch bleibt.
In Berlin gibt es auf Probe insgesamt 40 Count-Down-Signale, die dem Fußgänger zeigen, wie viel Zeit noch bleibt.Foto: Vinzenz Greiner

Die beiden blinkenden Ampeltypen sind Teil der sogenannten Fußverkehrsstrategie, die der rot-rote Senat 2011 beschlossen hatte. Unter Rot-Schwarz kam im vergangenen Herbst noch ein weiterer Ampeltyp hinzu: das sogenannte Count-Down-Signal. 40 Stück davon hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt für 90 000 Euro installieren lassen: Am Olivaer Platz, an der Brunnenstraße, Ecke Anklamer Straße und unweit ihres Sitzes am Fehrbelliner Platz.

An 16 Anlagen ist zwischen rotem Männchen oben und grünem darunter ein weiteres Signal angebracht. Wenn man sich beeilen sollte, leuchten dort gleichzeitig zum roten Männchen weiße Streifen auf, die einen Fußgängerübergang zeigen sollen. Diese Zebrastreifen verschwinden nach und nach und zählen so die Zeit herunter, bis die Fahrzeugampel auf Grün springt. Zehn bis 14 Sekunden dauert das, sagt eine Sprecherin der Senatsverwaltung. Auf den Ampelpfählen angebrachte Zettel sollen das Verständnis erleichtern.

Wirkung der neuen Ampeln nicht absehbar

„Wenn man schon einen Erklärungszettel für die Ampel braucht, dann ist sie unnütz“, sagt eine Passantin. Die 43-Jährige findet die blinkenden Männchen praktischer. Auch Maja ist nicht von den Count-Down-Ampeln überzeugt. „Man hätte gleich Sekunden herunterzählen lassen können, wie in Spanien“, findet die Schülerin. Sie hat die Streifen erst gar nicht bemerkt. „Eine Leuchtfarbe wie Orange oder so wäre besser gewesen“, sagt die 16-Jährige. Zwei Frauen haben die Streifen indes gesehen, machen einen zögerlichen Schritt auf die Fahrbahn und dann schnell wieder zurück auf die Verkehrsinsel. Aber für die älteren Menschen, findet Maja, sei die Streifenanzeige bestimmt hilfreich.

Eine von ihnen sieht das nicht so. Man käme in der Zeit ohnehin nicht mal halb über die Straße, beschwert sich eine 83-Jährige. Ihr sei das Signal egal. „Ick jeh meen Weg auch so einfach weiter“, sagt sie und tut das auch.

Ob die Projekte tatsächlich die Sicherheit der Fußgänger verbessert haben, weiß man bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt noch nicht. Statistische Erhebungen und Umfragen bei den Bürgern laufen noch. Erst im letzten Quartal dieses Jahres sollen belastbare Zahlen vorliegen. Man könne die Auswirkungen solcher Verkehrsprojekte erst nach Zeiträumen von bis zu drei Jahren erkennen, heißt es aus der Senatsverwaltung. „Eine Verschlechterung haben wir bisher aber nicht festgestellt.“

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