"Verkehrte Welt" : Autonome zerstören Deutschland-Fahnen türkischer Berliner

Die linksradikale Szene in Neukölln hat offenbar einen Feldzug gegen schwarz-rot-goldene WM-Flaggen gestartet. Davon betroffen sind auch viele Türken und Araber, die sich zur deutschen Elf bekennen.

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Im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold. Die extreme Linke kann sich für den deutschen WM-Jubel nicht erwärmen – im Gegenteil.
Im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold. Die extreme Linke kann sich für den deutschen WM-Jubel nicht erwärmen – im Gegenteil.Foto: ddp

Ghassan Hassoun setzt die Espressotasse hart auf den Teller. Dann weist er auf die wimpelgeschmückten Autos vor seinem Falafel-Restaurant an der Sonnenallee. „Ist das nicht eine verkehrte Welt?“, sagt der 50-jährige Libanese. „Deutsche Autonome zerstören Türken und Arabern die schwarz-rot-goldenen WM-Fahnen.“ Seiner Tochter Latife wurde der Wimpel gleich mehrfach vom Wagen gerissen, Nachbarn erging es ähnlich. Auch auf Flaggen an Parterrefenstern gab es Attacken. Offenbar hat die linksradikale Szene einen Feldzug gegen die WM-Fahnen gestartet – und ist besonders in jenen Kiezen von Neukölln und Kreuzberg aktiv, in denen viele Menschen mit ausländischen Wurzeln leben. Dort werden Häuser und Autos noch eifriger schwarz-rot-gold beflaggt als anderswo.

Zwischen Hermannplatz und Wildenbruchstraße wirkt die Sonnenallee wie ein Orient-Basar. Friseure, Handy-Läden, Bäckereien, Bars – alles ist arabisch oder türkisch beschriftet. Und die deutsche Fahne ist im Kiez jetzt so präsent wie zur Weihnachtszeit die überschwänglich blinkende Fensterbeleuchtung. Das provoziert die Linksautonomen. „Die kommen in der Nacht, so um 3 Uhr früh, schwarz vermummt, ziehen die Flaggen ab und zerschneiden sie“, erzählt ein junger Türke in einer Shisha-Bar. „Will man sie zur Rede stellen, rennen sie weg.“

Fans in Berlin feiern und trauern
Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen der Stadt - zum Hupen und Fahnenschwenken.Weitere Bilder anzeigen
1 von 87Foto: König
12.07.2010 00:37Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen...

Besonders zugespitzt hat sich der Streit um die WM-Fahnen an der Ecke Sonnenallee/Pannierstraße vor „Bassal’s Elektro-Shop“. Dort haben Ibrahim Bassal und seine Freunde vor dem Spiel der deutschen Nationalelf gegen Ghana eine riesige schwarz-rot-goldene Fahne entrollt. Sie reicht vom fünften Stock fast bis zum Parterre hinab. Kaum geschehen, seien junge Leute aggressiv in seinen Laden gekommen und hätten ihm vorgeworfen, er fördere den Nationalismus und wecke wieder Nazigefühle in den Deutschen, erzählt Bassal und kontert: „Wir leben und arbeiten seit Jahrzehnten in Berlin, unsere Kinder sind hier geboren. Wo ist das Problem? Ist doch klar, dass wir zu Deutschland halten. Was hat das mit den Nazis zu tun?“ Dennoch war die Mega-Fahne in den vergangenen Tagen heftig umkämpft. Mehrfach wurde sie zu später Stunde teils abgerissen und angekokelt. Die Besitzer stellten Nachtwachen auf, die Gegenseite rückte mit Leitern an. Ibrahim Bassal hat nicht kapituliert, aber die Fahne inzwischen eingeholt. Er will sie künftig nur noch an Spieltagen herablassen, wenn er vor seinem Laden mit Freunden beim Public Viewing sitzt. Gestern, beim siegreichen Spiel gegen England, war das wieder der Fall. Und die Autofahrer wehren sich auf ähnliche Weise. „Wir hängen den Autowimpel nur noch raus, wenn wir am Steuer sitzen“, sagt Falafel-Wirt Hassoun. „Ansonsten liegt er sicher im Wagen.“ Bei der Polizei läuft das Fähnchen-Delikt unter Sachbeschädigung. Es gebe aber kaum Anzeigen, das sei für einen abgebrochenen Wimpel wohl zu aufwändig.

Der Hass auf die „schwarz-rot-goldenen Lumpen“, wie es in linksradikalen Publikationen heißt, ist unter den Autonomen nicht erst zur jetzigen WM ausgebrochen. Bereits 2006 wurden an der Rigaer Straße in Friedrichshain Fahnen vor Sportlokalen abgerissen und die Gäste mit Wasserbomben beworfen. Während der Europameisterschaft 2008 reihten Autonome in Kreuzberg und Friedrichshain gestohlene und zerschnittene Wimpel an Leinen auf und spannten diese zwischen Straßenlaternen. Und derzeit ruft ein „Kommando Kevin-Prince Boateng“ auf der linksradikalen Internetseite Indymedia dazu auf, WM-Fähnchen „zu erbeuten“. Boateng ist der Nationalspieler Ghanas, der Michael Ballack kurz vor der WM beim englischen Pokalfinale gefoult, verletzt und so für die WM ausgeschaltet hat.

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