Verlorene Dinge : Die Suche nach dem Besitzer des verlorenen Schals

Jedes Jahr gehen in der Stadt offiziell fast 100.000 Dinge verloren. Was passiert, wenn man sich nicht damit abfindet?

Markus Ertle
Was geht einen ein fremdes Tuch an? So wenig wie die unzähligen Schnuller, Söckchen und Schühchen, die Berlins Babys jeden Tag verlieren.
Was geht einen ein fremdes Tuch an? So wenig wie die unzähligen Schnuller, Söckchen und Schühchen, die Berlins Babys jeden Tag...Foto: Marcus Ertle

Und dann liegt da dieses weiße Halstuch im Gras. Vor einem Baum in einem Park am Bayerischen Platz. Wie hingeweht. Ich halte inne, schaue es an, hebe suchend den Kopf. Keiner, dem es gehört? Kein Passant, der sich an den Hals greift, sich umdreht, kein suchender Blick, kein wissender Blick, kein Besitzanspruch.

Da vorne läuft eine Frau, zu der könnte es passen. Hundert Meter weit weg, an der Ampel jetzt. Ein blaues Kleid, Sonnenbrille, die Haare blond und hochgesteckt – ja, es würde passen, meine ich und überlege, ob ich das Tuch aufheben oder nach der Frau rufen soll.

Beides wäre ein Schritt aus der Beobachterrolle heraus. Wenn ich jetzt zucke, hänge ich drin. Aber da wird die Ampel schon grün und die Frau geht über die Straße. Ist das noch Rufweite?

Äh, Entschuldigung, Sie... Entschuldigung... Frau in Blau... hallo?

Sie hört nichts, zu weit entfernt. Jetzt könnte ich die Schultern zucken und weitergehen, oder das Tuch greifen. Aber was geht mich ein fremdes Tuch an? So wenig wie die unzähligen Schnuller, Söckchen und Schühchen, die Berlins Babys jeden Tag sorglos strampelnd verlieren. Unterdessen schließt sich das Zeitfenster. Die Frau in Blau wird bald verschwunden sein.

Ich greife schließlich doch nach dem Tuch, es ist sehr weich, Seide. Kurzer Gedanke: Wenn jetzt der Besitzer oder die Besitzerin kommt und ich eile mit dem Tuch in der Hand Richtung Ampel, werde ich für einen Dieb gehalten.

Halt! Stopp! Gib das Tuch her, Arschloch!

Aber keiner ruft und ich eile los. Jetzt ist die Ampel natürlich wieder rot. Man könnte das ignorieren, dem guten Zweck zuliebe. Und dann wird man überfahren, liegt auf dem Asphalt, das weiße Tuch in der Hand, ein wenig Blut färbt den Stoff dunkel. Die Frau in Blau für immer außer Sicht – oder vielleicht durch das Quietschen der Reifen aufgeschreckt, dabei das fehlende Tuch bemerkend, zurückeilend, an der Ampel dann die Hände vors Gesicht schlagend, das Tuch in der Hand des schwer verletzten Finders erblickend. Ein Drama. Sinnlos. Nein, nicht ganz sinnlos, das Tuch wäre ja immerhin zurück bei der Besitzerin. Gestorben für ein weißes Halstuch.

Schluss jetzt, die Ampel ist grün. Eiliger Schritt. Ist sie das da vorn? Ja. Nein. Doch. Auf einer Höhe mit ihr hebe ich das Halstuch hoch, die Rechtfertigung für das Ansprechen.

Entschuldigung, ist das vielleicht Ihr Tuch?

Überraschung. Sie nimmt ihre Sonnenbrille ab. Kluge Augen, forschend. Sie schaut den Frager an. Das Tuch. Ist das ein Trick? Ein Taschendieb? Aber dann der Blick aufs Tuch.

Ohh nein!

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