Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

"Al Qaida ist im Vergleich zu IS ein Amateurverein", sagt Josef Joffe. Der Herausgeber der "Zeit" über die Kämpfer der IS, die Ukraine-Krise und die Antwort der Nato.

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"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: Promo

Die Nato nach ihrem Gipfel: Wie stark ist das Bündnis?

Nicht besonders. Die Invasion der Ukraine ist der härteste Schlag gegen die Territorialordnung Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dennoch hat das Bündnis auf dem Gipfel von Wales nicht einmal neue Sanktionen verhängt, sondern nur „vorbereitet“. Sie werden nicht Putin, sondern ein paar Banken das Leben erschweren. Panzer- und Flugabwehrwaffen an die Ukraine hätten ein kräftigeres Signal geliefert. Die neue „Speerspitzentruppe“ der Nato, 4000 Mann, kann Moskau nicht beeindrucken, weil sie als Verband nicht kampf- und manövrierfähig ist. Besser wäre eine permanente Militärpräsenz an der Ostgrenze der Nato – z. B. mit den Restbeständen der US-Armee in Deutschland, um die nächste „Ukraine“ abzuschrecken.

Die Ukraine nach der Waffenruhe: Wie schwach ist das Land?

Noch schwächer als die Nato, sonst hätte sich Präsident Poroschenko nicht auf eine Waffenruhe eingelassen, die den Russen und ihren Handlangern die Kontrolle über den Südosten, damit eine Landbrücke zur Krim verschafft. De facto ist das nach der Krim die zweite ukrainische Teilung. Jetzt hat Putin einen Hebel in der Hand, mit dem er die ukrainische Politik manipulieren und Kiew noch mehr schwächen kann. Das war der Sinn der Sache seit dem Frühjahr: Heim nicht unbedingt ins Russische Reich, sondern in die russische Einflusssphäre, wo niemand von solchem Blödsinn wie „Demokratie“ redet.

Al Qaida oder IS: Vor wem müssen wir größere Angst haben?

Einfach. Die Qaida ist im Vergleich zu IS ein Amateurverein, auch schon gealtert und ohne den Charismatiker Bin Laden. IS ist eine richtige Armee, die so gut funktioniert, weil sie auch von ehemaligen Offizieren der Saddam-Armee geführt wird, die mit schwerem Gerät umgehen und großräumige Operationen durchführen können. Dazu von Sunni-Stämmen mit zehn Jahren Kriegserfahrung. Schließlich weiß IS, wie man Geld macht: mit Ölverkäufen, Geiselnahme und Steuereintreibung. IS zu AQ ist wie ManU und Bayern-München zu Hertha im Fußball.

Ein Wort zu Barack Obama …

Sein Problem ist nicht, dass er nichts tut, sondern so tut, als täte er nichts. Er redet davon, dass „wir noch keine Strategie“ haben, und das gilt nicht nur für Syrien und Irak, sondern auch für die Ukraine. In Wahrheit macht Obama eine ganze Menge, indem er die Truppen wie auch das Bombardement im Irak verstärkt. Er zeigt Präsenz im Baltikum. Nur fehlt das Sich-Festlegen, die rasche und demonstrative Reaktion. Putin nutzt die Zögerlichkeit aus, indem er agiert und nicht reagiert. Wer stets einen Zug voraus ist, zwingt der anderen Seite das Risiko der Eskalation auf.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: Malte Lehming.

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