Vision für Tegel : Der Traum von der Goldgrube

Als Projekt „Urban Tech“ soll der Flughafen zum Stadtquartier der Zukunft werden.

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Zukunftsvision. So könnte Tegel nach dem Umbau einmal aussehen. Illustration: promo
Zukunftsvision. So könnte Tegel nach dem Umbau einmal aussehen. Illustration: promoIllustration: promo

Gar nicht so einfach, den Chef-Planer von Berlins größtem, kompliziertestem und vermutlich teuerstem neuen Stück Stadt auf kritische Distanz zu halten. Philipp Bouteiller empfängt Besucher mit großer Herzlichkeit in seiner Planungsschmiede nahe dem Kurfürstendamm. Dieser Mann ist beseelt von seiner Mission: den Flughafen Tegel in ein pulsierendes Wohn- und Wirtschaftsquartier umzuwandeln. Und dafür gilt es jeden zu bekehren. Dabei steht es schlecht um sein Vorhaben.

"Es geht um die Qualität des Berliner Wirtschaftswachstums"

Ausgerechnet der Partei der Hoteliers, Wirtschaftskapitäne und Marktliberalen ist es gelungen, Gehör beim „Volk“ zu finden: Eine knappe Mehrheit der Berliner will plötzlich Tegel als Airport behalten. Ob sich die Umfragewerte beimVolksentscheid der FDP erhärten, ist ungewiss. Falls doch: Wie fühlt sich einer, der sein Vorhaben gegen das Volk durchsetzen muss? „Ich kann die emotionale Liebe zu Tegel nachvollziehen“, sagt Bouteiller. Doch ohne Urban Tech, BER und das neue Flug-Drehkreuz Berlin werde die Stadt nie die „Qualität beim Wachstum der Wirtschaft bekommen, die wir als europäische Metropole so dringend brauchen“.

5000 Wohnungen und 24 000 Arbeitsplätze sollen auf dem Flugfeld entstehen

Die Urban Tech, so Bouteillers Vision, ist die Rakete, die die „Glasdecke“ über Berlins Wirtschaft durchstoßen könne. Durch das Technologie-Quartier werde das Wachstum auf eine neue Stufe katapultiert. Bisher boomt Berlin vor allem durch prekäre Jobs, Niedriglöhner und Wirtschaftsflüchtlinge strömen zu Zehntausenden in die Stadt. Dem setzt Bouteiller „eine Berliner Antwort auf Silicon Valley“ entgegen, wie er die Pläne für den Umbau des Flughafen-Gebäudes und seiner Hangars nennt, den Neubau von Gewerbeflächen auf dem Vorfeld sowie die Errichtung von 5000 Wohnungen im Schumacher-Quartier, auf den nordöstlichen 48 Hektar des Areals. Bouteiller wirbt mit bis zu 24 000 Arbeitsplätzen im neuen Quartier, und jeder werde weitere 1,4 Arbeitsplätze bei Zulieferern und verbundenen Firmen in der Stadt schaffen. 100 000 Menschen, Familien eingerechnet, werde die Urban Tech ernähren – und es werden viele gut bezahlte Jobs dabei sein, einige in internationalen Firmen, die bisher nicht oder nicht in diesem Maße in Berlin tätig waren.

So viel Platz verbraucht Tegel. Auf der Karte können Sie das Flughafengelände Tegel und die dazugehörigen Lärmzonen an jeden beliebigen Ort der Stadt verschieben, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie viel Stadtfläche der TXL entspricht.

Angehende Ingenieure studieren künftig an der Beuth-Hochschule

Der Mann hat gute Gründe und weiß Bilder zu erzeugen: Breite Fahrradwege führen 16 Kilometer weit durch einen grünen „Campus“, tausende angehende Ingenieure studieren an der Beuth-Hochschule zielstrebig auf ihren künftigen Job beim benachbarten Tech-Konzern hin. Aus den Arbeitsgruppen gehen Start-Ups hervor, die Millionen mit Apps und Erfindungen für die Urbanen Technologien der wachsenden Stadt scheffeln.

Weil sie den U-Bahn-Verkehr optimieren, Entrauchungsanlagen für Großflughäfen entwickeln, das Recycling revolutionieren und Öko-Materialien für den Bau von Hochhäusern entwickeln. Berlin werde von Abermillionen an zusätzlichen Steuereinnahmen profitieren. „Paris investiert Milliarden in das Technologiequartier Saclay, die Katalanen in 22@Barcelona – das ist harte Konkurrenz.“ Deshalb brauche Berlin die Urban Tech.

"Es gibt keine anderen geeigneten Flächen mehr", sagt Bouteiller

Politiker reden so ähnlich, aber nur wenige so smart wie der Mann, der mal Unternehmensberater bei McKinsey war und auf Londons School of Economics and Political Sciences studierte. Da hat man die Primärtugenden des Netzwerkens im Blut: Fakten, Sheets und ganz viel Charme. Große Nähe zur SPD sagen Beobachter Bouteiller nach. „Ich bin kein Parteimitglied“. Aber sicher, es gebe eine „emotionale Nähe zu Themen und bestimmten Menschen in der SPD.“

Bei dem neu auflebenden Widerstand bleibt die Frage: Warum eine Urban Tech unbedingt in Tegel und nicht woanders? „Weil es keine anderen geeigneten Flächen gibt“, sagt Bouteiller. Er beruft sich auf Zahlen der Industrie- und Handelskammer, wonach ohne Tegel in zwölf Jahren die Flächen für Industrie und Gewerbe erschöpft seien.

Angst offenbart sich erst bei der Gretchenfrage: Was das alles kostet, will Bouteiller nicht sagen. Bloß nicht festlegen. Dann kann ihn auch niemand beim Wort nehmen. Auf eine Milliarde Euro schätzten Experten mal den Aufwand für den Tegel-Umbau. Die Erfahrung lehrt: Es wird immer teurer als geplant, und die Risiken sind groß.

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