Berlin : Vive la Pariser Platz: Franzosen locken Flaneure

Mit viel Kultur und großen Debatten will die neue Botschaft die Umgebung beleben und offen sein für die Berliner

Christian van Lessen

Hunderte von Berlinern und Touristen werden heute gegen 15 Uhr auf dem Pariser Platz sein, um Feierliches zu erleben: Die Enthüllung des „Denker“-Denkmals auf dem Mittelstreifen vor dem Tor, vor allem aber die Vorfahrt der Ehrengäste zur Eröffnung der französischen Botschaft. Präsident Jacques Chirac wird sich die Augen reiben, wie sich der Platz seit seiner letzten Visite 2000 verändert hat. Seine Botschaft wird künftig mehr Leben in „Berlins gute Stube“ bringen. Es soll diverse Ausstellungen geben, andere Kulturveranstaltungen und Diskussionen, mit denen sich das Haus den Berlinern öffnen will. Besichtigungen können vereinbart werden. So offen aber, wie sich die Franzosen ihre Botschaft vorgestellt hatten, wird sie aus Sicherheitsgründen nicht sein können.

Der 11. September brachte ein Konzept zu Fall, das sich heute bei der offiziellen Eröffnung der Botschaft erstmals hätte bewähren können: Eine weithin öffentliche Passage, die vom Pariser Platz bis zur Wilhelmstraße durch den Gebäudekomplex führt. „Schauen Sie sich das Pflaster an“, sagte gestern Mittag eine Botschaftsangehörige zu einer Begleiterin, wies auf den Boden vor dem Eingang Wilhelmstraße 69. Das Pflaster des Gehweges führt über die Passage tief ins Haus hinein, so dass die Besucher den Eindruck haben könnten, sie liefen weiterhin auf dem normalen Berliner Bürgersteig. Aber nach den Terroranschlägen war wegen verstärkter Sicherheitsvorkehrungen an eine Botschaftsbummelpassage nicht mehr zu denken.

Der Durchgang wird von Polizisten bewacht und ist nur mit Sonderausweis zu betreten. Wegen der geplanten öffentlichen Veranstaltungen werden die Berliner aber Gelegenheit finden, das Haus näher kennen zu lernen, eventuell wird es in den nächsten Monaten einen Tag der offenen Tür geben, wie es die Briten für ihren benachbarten Neubau schon vorgemacht hatten. Wie groß die hinter zwei Fassaden am Pariser Platz und an der Wilhelmstraße versteckte kleine Stadt der Franzosen ist, konnten Passanten an der Wilhelmstraße gestern schon beobachten, ohne das Grundstück zu betreten. Hinter dem Schaufenster der „Vitrine de France“, einem Laden neben dem Eingang, hantierte eine junge Frau mit einem zusammensetzbaren Modell des Botschaftsbaus. Der Blick auf das Holzmodell offenbarte, für welch’ abenteuerlichen Grundriss der Pariser Architekt Christian de Portzamparc an diesem Ort zu planen hatte.

Passanten beobachteten gestern neugierig den Sockel, auf dem ab heute für sechs Wochen als Leihgabe ein Originalabguss des „Denkers“ aus dem Pariser Musée Rodin stehen soll. Schon gab es Diskussionen, ob und wann der Botschaftsneubau zu besichtigen ist. Ein Berliner Versicherungskaufmann meinte, der Platz werde vermutlich nie richtig belebt, weil es außer dem Brandenburger Tor keinen richtigen Anziehungspunkt gebe. Ein Student freute sich, dass er direkt an der Botschaft und einer offenen Tür vorbeigehen konnte, ohne von Sicherheitsleuten weggescheucht zu werden.

Ein Polizist erklärte Taxifahrern, es werde zum Festakt nur der nördliche Teil des Platzes für die Vorfahrt der Ehrengäste gesperrt. Eine Touristin wunderte sich über die einzige große Baulücke am Platz.

Hier hätte längst die US-Botschaft stehen können, doch nach Terroranschlägen 1998 forderten die Amerikaner mehr Sicherheitsabstand. „Die Baupläne werden gerade überarbeitet. Wir hoffen, Ende des Jahres beginnen zu können“, teilte die US-Botschaft mit.

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