Berlin : Von der Phase der Erschlaffung zum fertigen Bild

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„Das Bild beherrscht und führt den Maler“, sagt Martin Schmid, „es gibt Epochen innerer Produktivität und dann wieder depressive Epochen, wo es weniger geht. Ich habe mein Leben lang Thomas Mann bewundert, der zu bestimmten Stunden des Tages Begabung hatte und schrieb – und danach den Hund ausführte.“ Martin Schmid, Maler, Zeichner und Professor kann auf die Entstehung seiner Bilder keinen Einfluss nehmen. „Ich denke immer hinterher“, sagt er. Bevor er anfängt, spürt er „einen Angstzustand, dass da in mir etwas rumort, was raus will“. und mit dem Malen versucht er, sich davon zu befreien. „Dann folgt das Schöne, eine Erkenntnis, ja, sagen wir der Freiheit, und als Drittes die Phase der Erschlaffung, wo man mit furchtbarer Mühe sein Bild befragt, wie es weiter gehen könnte.“

Hier bleibt er oft stecken, beginnt mit dem nächsten Bild, „und am Schluss hab ich 20, 30 unfertige Bilder, und die schiebe ich eine lange Zeit vor mir her. Manche sind nach zwei Jahren fertig, andere nach fünf, und einige hab ich nach 20 Jahren wieder aufgegriffen.“ Martin Schmid ist gründlich. Beim Malen, aber auch beim Erklären seiner Kunst. Vor dem Sprechen denkt er lange nach. Während er redet, unterstreicht er seine Worte mit lebhaften Gesten, und am Ende eines Gedankens faltet er die Hände.

Ein paar Tage später schickt er einen langen Brief, 11 DIN A 4-Seiten in schöner Handschrift und mit vielen Skizzen, in dem er ein paar Aspekte seiner Malerei noch einmal erklärt. Die Gründlichkeit ist kein Wunder, hatte er doch „ein Viertel Jahrhundert“ lang Tübinger Studenten im Zeichnen unterrichtet, weil er von der Malerei allein nicht leben konnte. “ Dass er in Tübingen lebt, ist dabei auch nicht gerade hilfreich: „Es ist eine Stadt der Literaten, abseits vom Kunsthandel.“ Die Kunstszene hat sich zudem sehr verändert: „Früher war ich bei Galerien, aber als die letzte bankrott gemacht hat, war ich schon sehr alt. Und die aufsteigenden Galerien wollen junge aufsteigende Künstler.“ Einige wenige von der alten Garde gibt es aber noch. In Berlin zum Beispiel den 93-jährigen Rudolf Springer. „Er ist der große alte Mann des deutschen Kunsthandels, von seiner Generation der großen Kunsthändler der Nachkriegszeit sind alle anderen tot. Er macht zeitgleich mit dem Justizministerium eine Ausstellung, bei sich im Wohnzimmer, da passen vier bis fünf Bilder rein.“

„Ich kenne ihn ewig und habe ihn auch früher schon ausgestellt“, sagt Rudolf Springer über den Künstler. Es dürfte interessant sein, zu vergleichen, wo die Bilder besser hinpassen: in ein bildungsbürgerliches Wohnzimmer oder in das Justizministerium – verraten sie die Herkunft des Künstlers? Schließlich war Martin Schmids Vater Carlo Jura-Professor und später einer der Mitbegründer des Grundgesetzes. In der Jugend bedeutete die Bibliothek seiner Eltern für ihn ein Möglichkeit der Flucht – und ein Privileg gegenüber seiner Generation, deren Mitglieder als Teenager den Krieg erleben mussten. „Meine Generation führte eine geistige Kaspar-Hauser-Existenz, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, erinnert er sich. Er las und las – und daher erwartete seine Umgebung eine intellektuelle Karriere von ihm: Er sollte Schriftsteller werden. Er wollte aber nicht – und setzte sich durch. Die Eltern waren nicht begeistert. Zwar hatte er zunächst ein Studium begonnen, und zwar Theologie, weil alle Professoren ihre Fächer theologisch ummodelten, denn die „Alliierten hatten das lächerliche Vorurteil, dass die Kirchen das Gegenteil des Nationalsozialismus seien. Doch gerade Tübingen war eine Hochburg des Lutheranismus und somit des Nazismus.“ Er wechselte nach Basel, orientierte sich bald um und unternahm lange Reisen. Mit 22 Jahren zog er für drei Jahre nach Paris, wo er zeichnete und malte. Später folgte ein Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom.

Doch die Kunst ist bekanntlich brotlos, und so ergriff er 1970 den „Brotberuf“ des Zeichenlehrers und wurde 1987 Professor, schließlich musste die Familie ernährt werden. Die Schmids haben zwei Söhne, häufige Gäste im Atelier: „Der Sohn guckte mir zu, und wenn er ungeduldig wurde, habe ich ihm eine Leinwand auf die Staffelei gemacht und ihm schnell trocknende Farben gegeben.“ Inzwischen sind die Söhne in den Dreißigern, von Beruf Verlagskaufmann und Architekt. Beide sind verheiratet, aber Enkel sind „leider nicht da, das wurde uns bisher verwehrt“, sagt Ehefrau Trudi. Sie mischt sich nur selten ein, aber wenn, dass klingt es sehr energisch. Die Beiden wirken sehr gegensätzlich und dabei gut auf einander eingespielt. Er ist eher zurückhaltend und nachdenklich, sie dagegen lebhaft und weltgewandt. Früher haben sie gern Reisen unternommen, doch das ist nicht so einfach: Da die interessantesten Reisen abenteuerlich sind, müssen sie sehr lange im Voraus geplant werden. Das kann Martin Schmid nicht leiden: „Künstler müssen reisen, wenn die Malerei gerade nicht voran geht. Denn wenn eine Reise in eine produktive Epoche fällt, das ist furchtbar.“ Ulrike Heitmüller

Das Justizministerium, in dem Schmids Bilder vom 3. Juni an zu sehen sind, feierte gestern seine Eröffnung. Auf Grund besonderer Sicherheitsbestimmungen muss man sich für den Ausstellungsbesuch telefonisch anmelden: 2025-9032.

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