Berlin : Von Siemensstadt nach Adlershof

Vor zwei Jahren machte das Glasfaser-Werk von Infineon dicht. Ex-Angestellte haben einen Teil der Hightech-Arbeitsplätze gerettet. Ein Lehrstück über den industriellen Wandel Berlins

Alexander Visser

Die Flagge von Finisar lag schon in Berlin bereit. Sie hätte nur noch gehisst werden müssen. Das US-Unternehmen wollte die Glasfasersparte des Halbleiterkonzerns Infineon übernehmen und hätte so den Standort in der Siemensstadt gesichert. Doch die Finisar-Flagge flatterte nie im Wind, der Deal kam nicht zustande. Statt die gesamte Sparte zu übernehmen, kaufte Finisar Anfang 2005 nur einen Teil der Betriebsmittel und Patente. Den Standort wollten die Amerikaner dann doch nicht weiter betreiben.

„Wir sind völlig überrascht worden von der Entscheidung“, sagte der damalige Betriebsratsvorsitzende Olaf Schlichting. Während die meisten der rund 250 Mitarbeiter schockiert waren, war das Aus der Infineon Fiber Optics für Lutz Melchior ein Startsignal: „Ich hatte schon vorher überlegt, ob ich mich vielleicht selbstständig machen sollte“, sagt der Entwicklungsingenieur. „Als unsere Sparte dichtgemacht wurde, habe ich mir gesagt: Jetzt geht’s los.“ Weil Melchior und einige Kollegen den Schritt in die Selbstständigkeit wagten, konnte zumindest ein kleiner Teil der Hightech-Arbeitsplätze in Berlin gerettet werden.

Infineon hatte in Berlin Glasfaser- Transceiver hergestellt, das sind Geräte, die elektrische Signale in optische umwandeln und zur Datenübertragung in Glasfasernetze einspeisen. Melchior war an der Entwicklung mehrerer Patente beteiligt gewesen und gründete mit seinem Partner Volker Plickert im Mai 2005 die Ingenieurfirma Optricon, die als Ingenieursdienstleister bei der Produktentwicklung berät. „Ich hätte auch anderswo eine Stelle gefunden, aber mich hat gereizt, etwas Eigenes aufzubauen.“

Dann begann die Suche nach dem Standort. Als früherer Teil des Konzerns war Infineon in der Siemensstadt untergebracht. Der Konzern hat seinen Hauptsitz längst in München, doch der Stadtteil wird noch immer von den riesigen Backsteinhallen geprägt, in denen Gasturbinen oder Hochspannungsschalter produziert werden. Sie zeugen noch heute von der Geschichte der einstigen Industriemetropole Berlin. „Wir hätten auch dort bleiben können, aber wir wollten etwas Neues beginnen und brauchten dafür auch eine neue Umgebung“, sagt Melchior.

Seine Wahl fiel auf den Technologiepark Adlershof, genauer gesagt: das Photonikzentrum, das auf die Bedürfnisse von Firmen im Bereich elektro-optische Technologien ausgelegt ist. Statt mächtiger Backsteinburgen prägen moderne Betongebäude das Gelände am Rande des Landschaftsparks Adlershof. Rund 55 Firmen haben sich dort bereits angesiedelt, die 660 Mitarbeiter beschäftigen. „Wir bieten Entwicklungsleistungen für technologieorientierte Firmen an, für die es hier ideale Bedingungen gibt“, sagt Melchior. „Einige unserer Kunden sind direkte Nachbarn. Außerdem profitieren wir von der Nähe zu den exzellenten Forschungseinrichtungen hier.“

Das sieht auch Melchiors ehemaliger Kollege Claus Heitmann so. Er war bei Infineon Produktionsleiter und gründete danach die Firma C2GO im Adlershofer Photonikzentrum. Die Firma berät Unternehmen bei der Produktionsgestaltung, erklärt zum Beispiel, wie aus dem Prototyp eines medizinischen Lasergeräts eine Pilotlinie produziert werden kann oder wie eine Serienproduktion aussehen könnte. Im vergangenen Jahr erzielte C2GO einen Umsatz von einer halben Million Euro, sechs Mitarbeiter hat die Firma. Heitmann will 2007 weitere Laborfachkräfte einstellen, gerne auch ehemalige Kollegen. „Längst nicht alle früheren Infineon-Mitarbeiter haben eine neue Stelle gefunden“, sagt Heitmann.

Immerhin zehn ehemalige Infineon-Mitarbeiter sind bei EZconn Berlin beschäftigt. Auch diese Infineon-Ausgründung, die zu einer taiwanesischen Unternehmensgruppe gehört, ist im Photonik-Zentrum untergebracht. Sie stellt elektronische Bauteile für die Datenkommunikation her. „Zu unseren Kunden gehören Branchengrößen wie Siemens, Alcatel, Ericsson oder Lucent“, sagt Geschäftsführer Gerhard Eisenacher. Zehn Mitarbeiter haben 2006 einen Umsatz von 3,5 Millionen Euro erzielt.

Adlershof statt Siemensstadt: Die drei Unternehmer sind optimistisch, dass ihre jungen Firmen hier wachsen werden. Aber trotz des erfolgreichen Starts ihrer Firmen ist der Unterschied zu früher enorm: Sie beschäftigen zusammen 25 Mitarbeiter, bei Infineon Fiber Optics waren es zum Schluss 250. Innovativen kleinen Firmen in Adlershof gehört die Zukunft. Aber sie können noch längst nicht den Verlust der Arbeitsplätze bei Großkonzernen ausgleichen.

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