Von Tag zu Tag : Aliens in Berlin

Was ist nur mit den Berlinern passiert? Kein Gepampe, kein Genörgele - ausschließlich glückliche und freundliche Menschen! Doch wir sollen uns nicht zu schnell freuen, die Hornhaut am Herzen brauchen wir in Berlin schon früh genug wieder.

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Tagesspiegel-Leser Stefan Müser wollte an diesem Wochenende einfach nur raus, und die letzten Sonnenstrahlen dieses Sommers genießen. Diese Aufnahmen machte er am Alex. Haben Sie die Gelegenheit auch genutzt und noch ein paar Sommer-Schnappschüsse gemacht? Senden Sie uns Ihre Bilder an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
Foto: Stefan Müser
08.09.2013 15:04Tagesspiegel-Leser Stefan Müser wollte an diesem Wochenende einfach nur raus, und die letzten Sonnenstrahlen dieses Sommers...

Ich fürchte, die Berliner sind alle verrückt geworden. Anzeichen existierten schon länger, aber so richtig kapiert habe ich das erst am Sonntag im Café in der Bergmannstraße. Da stellte mir der Nebenmann eine Frage, die so unwahrscheinlich, ja absurd klang, dass ich besser zwei Mal nachhorchte, um sicherzugehen, dass ich mich nicht verhört hatte. Die Frage lautete: „Entschuldigen Sie, könnte ich hier kurz telefonieren, oder stört Sie das?“

Wahnsinn. Seit wann bitte fragt ein Berliner den anderen, ob der sich durch irgendwas gestört fühle? Dann wurde mir bewusst, dass mich auf der Straße seit Tagen niemand mehr angehupt hat. Dass im Supermarkt kein Kassierer rumblaffte, im Büro niemand fluchte. Kollegin Katharina will gar erlebt haben, dass sich Menschen in der S-Bahn... halten Sie sich fest... gegenseitig Sitzplätze überließen. Aus reiner Höflichkeit. Ohne dass jemand mit dem Messer gedroht hätte!

Wo also sind die ganzen frechen, patzigen, reizbaren Menschen plötzlich hin? Was stimmt mit den Berlinern nicht?

Lässt man die gewagteren Theorien außer acht („nur die unfreundlichen Menschen fahren in den Urlaub“ bzw. „Aliens sind in unsere Körper geschlüpft und haben lediglich die Hüllen übrig gelassen“), bleibt bloß eine Erklärung: Das späte Sommerglück macht uns weich und genügsam – und so dankbar, dass wir uns erkenntlich zeigen, etwas Freude zurückgeben möchten.

Doch ich traue diesem Frieden nicht. Wenn überhaupt, kann es sich nur um einen vorübergehenden Waffenstillstand handeln, um ordentlich aufzurüsten und bald wieder loszuhassen, oder?

Das Problem ist folgendes: Wer sich jetzt auf die neue Sanft- und Entspanntheit seiner Mitmenschen einlässt, die eigenen Schutzschilde runterfährt, sensibel wird und verweichlicht, könnte es bald bereuen. Denn wer in Berlin lebt, braucht Hornhaut am Herzen. Um den rauen Umgang miteinander langfristig zu verkraften. Mich kriegen die jedenfalls nicht mit ihrer trügerischen Nettigkeit. Der Nächste, der mir vom Laden um die Ecke eine Kugel Eis mitbringen will, wird gnadenlos angepampt.

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