Von Tag zu Tag : Geflügeltes Wort

Werner van Bebber liest mit Staunen Stuttgarter Politikerweisheiten.

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Polit-Lyrik hat auch in Zeiten des elektronisch transportieren Perma- Geschwätzes noch ihre Chance. Der eine schöne starke Satz, das Drei- Worte-Statement können den, der es gesagt hat, über die fünfzehn Minuten Ruhm hinaus groß machen. Klaus Wowereit hat als Polit-Lyriker mehr als einmal Worte in Stein gemeißelt. Sein Selbstkommentar in Sachen Schwulsein – „und das ist auch gut so“ – dürfte die Gleichberechtigung erheblich vorangebracht haben. Und das zweiundzwanzig Millionen Mal zitierte „Arm aber sexy“- Logo für Berlin hat der Stadt mehr Sympathien und mehr Interesse gebracht als jeder Neunzehneuroneunundneunzig-Flug von Milano nach Schönefeld.

Solche Sprüche haben mit Werbung, mit Slogans nichts zu tun. Weil es, wenn Politiker Sprüche meißeln, nicht bloß um die Verkaufe von irgendetwas geht, sondern um Bedeutung. Mit kaum einem Satz hat sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst so desavouiert wie mit dem jetzt wieder gern erinnerten Plagiator- Guttenberg-Verteidigungsatz, sie habe ihn als Minister bestellt „und nicht als wissenschaftlichen Assistenten“. Die Physikerin, verheiratet mit einem Professor für Quantenchemie Joachim Sauer, kübelt mit fünf Worten Verachtung über den Berufsstand, dem sie mal angehörte. Auch so was bleibt.

Zu den Fiesigkeiten der Politik gehört, dass man an solche Fehlleistungen von der Konkurrenz ständig erinnert wird. Auch das erlebt Wowereit – er ist halt schon sehr lange dabei. Früher war er der „Teflon-Klaus“, den kein Misserfolg, kein letzter Berliner Platz in Wirtschafts- und Bildungs-Ranking in den Umfragen je hinunterzog. Jetzt ist er der Desaster- Klaus, beschwert von unendlichen Kilos falsch verbauten Betons – und das Wort vom BER-„Desaster“ hat er selbst geliefert. Es kommt noch härter.

An diesem Sonntag ist Wowereit vom früher erfolgreichen Polit-Lyriker zum Etikett geworden. Ausgerechnet der nette Winfried Kretschmann, Kollege Ministerpräsident aus der Bahnhofsdesastermetropole Stuttgart, sagte im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über angebliche Rückzugstendenzen der Bahn und die unklare Entwicklung auf der Eisenbahngroßbaustelle: „Ich mache hier nicht den Wowereit, und ich werde nicht sehenden Auges in ein Debakel schlittern.“

Ganz klar: Auch Kretschmann hat das Zeug zum Polit-Lyriker.

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