Von TISCH zu TISCH : Tulus Lotrek

Eine der sympathischsten Neugründungen der letzten Zeit, findet unser Kritiker. Denn die Küche folgt keinem starren Konzept, sie steckt voller Ideen

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Hübsch rustikal. Hier war früher mal das "Cochon bourgeois", nun heißt das Restaurant "Tulus Lotrek". Neue Pächter, neuer Stil, beste Küche, gute Preise. Ein Besuch empfiehlt sich.
Hübsch rustikal. Hier war früher mal das "Cochon bourgeois", nun heißt das Restaurant "Tulus Lotrek". Neue Pächter, neuer Stil,...Foto: André Wunstorf / promo

Ja, der Name. Tut ein wenig weh auf den ersten Blick, und er führt auch in die Irre. Denn der unvorbereitete Gast könnte durchaus auf die Idee kommen, hier werde irgendwie deutsch-französisch gekocht – was aber nur im allerweitesten Sinn zutrifft. Notorische Kreuzberger könnten darüber hinaus an das sehr französische „Cochon Bourgeois“ denken, das bis vor einigen Monaten in diesen Räumen untergebracht war.
Das ist vorbei, der Laden wurde ordentlich durchgefegt und ohne übermäßigen Aufwand nett renoviert. Das verstimmte Klavier, das viel Platz brauchte, ist dabei ebenfalls verschwunden, dadurch wirkt alles etwas luftiger. Um auch das noch abzuhandeln: Auch hier ist es mir zu dunkel, aber das hätte sich vermutlich nur mit mehr Geld ändern lassen.

Moderne Küche, vernünftige Preise

Okay. Ich werde jetzt erklären, warum das für mich eine der sympathischsten Neugründungen der letzten Zeit ist. Nämlich: Weil hier zu vernünftigen Preisen ideenreich und modern gekocht wird, ohne dass Küche und Gäste in ein starres Blut- und Boden-Konzept gezwängt werden. Die Stil-Polizei hat hier keinen Zutritt. Als Einstieg empfiehlt sich das „Spiegelei Royal“, eine raffiniert ausbalancierte Komposition mit einem pochierten Eigelb mit zart-saftigen Jakobsmuscheln auf Selleriepüree, in dem ein paar Stückchen Dörraprikosen untergebracht sind; obendrüber spendet geriebene Bottarga hübsches Hafenaroma (15 Euro).
Das herrlich geschmeidige Tatar vom trocken gereiften Milchkuh-Fleisch kommt mit marinierten Trompetenpilzen und reichlich Kaviar der (umstrittenen) Herings-Art – egal, schmeckt prima (12 Euro). Tatar probierten wir auch vom Hirsch, ganz anders angelegt, in großen Würfeln mit gehobelter Leber und Liebstöckel-Pulver (18 Euro) – schräg, animierend. Es geht aber auch noch viel günstiger im Preis mit gebratenen Schweinerippchen in sanft süßlichem Grafschafter Goldsaft nebst sauer eingelegtem Gemüse am Spieß für 6 Euro.

Immer mal eine Überraschung

Was hier auf den Tisch kommt, ist also immer originell und ohne Volkshochschulkurs verständlich, wenngleich nicht alles jeden Geschmack treffen mag, weil Vieles gezielt überrascht.
Das ist auch bei den Hauptgerichten so: Das Kikok-Huhn, ein deutsches Qualitätsprodukt, wird in zwei Gängen serviert (25 Euro). Zunächst indisch in Gestalt eines Tandoori-Hühnerflügels mit Raita, der indischen Antwort auf Zaziki, dann als großes, perfekt saftig gegartes Bruststück, das Länder und Kontinente völlig schmerzfrei zusammenfügt: Auf einem Reispüree mit Paella-Aromen liegt dekorativ ein Stück Oktopus, in der Sauce gibt indonesischer Ketjap Manis die Soja-Noten vor, und ein winziges Püree aus Brin d’Amour-Käse liegt auch noch da. Wäre da nicht zwingend, was aber nichts am angenehmen Gesamteindruck ändert.
Auch ziemlich wild ist der Hirschrücken, der mit koreanischem Kimchi einen frischen Gegenpart und eine gewisse Leichtigkeit erhält – ins Getümmel auf dem Teller sind außerdem noch Erdnüsse, Mais und Plaumen verstrickt, aber so dimensioniert, dass der saftige Hirsch damit gut leben kann (26 Euro). Im Vergleich fast schon konventionell wirkt das Kabeljaufilet mit Blutwurst, Gurken und Senfsoße (24 Euro).

Und ein charmanter Service

Die Desserts fallen minimal ab: Wir probierten einen leicht zerrupften Schoko-Fondant mit Vanilleeis und Kernöl sowie eine kleine Etüde mit Matcha-Tee, Milch und Honig, aber sehr okay für 8 und 9 Euro.
Die Weinkarte ist sehr knapp, passt aber zum Konzept. Und die Chefin Ilona Scholl bügelt sehr charmant über einige Unebenheiten hinweg, die am Anfang nicht überraschend kommen. Ich kann einen Besuch nur allerseits empfehlen.

- Tulus Lotrek, Fichtestr. 24, Kreuzberg, Tel. 4195 6687, Dienstag bis Sonntag ab 19 Uhr geöffnet.

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