Vor Schloss Bellevue : Schuhproteste gegen den Bundespräsidenten

  • „Wulff muss weg, Wulff muss weg“, skandieren die Menschen und schwingen drohend Schuhe über ihren Köpfen. - Foto: Reuters
  • Es sieht aus, als wollten sie den Bundespräsidenten persönlich aus dem Schloss Bellevue und aus dem Amt jagen. - Foto: AFP
  • Sie stehen am frühen Samstagnachmittag vor Christian Wulffs Amtssitz in Berlin, über dem hoch am Mast der Bundesadler weht - das offizielle Zeichen für die Anwesenheit des... - Foto: AFP

Update Vor Schloss Bellevue forderten Hunderte den Rücktritt von Christian Wulff. Sie nutzten eine alte arabische Sitte, um ihre Verachtung zu demonstrieren. Hier dokumentiert in einer Fotoreportage.

Einer nahm es ganz genau. Eigentlich sollten die Demonstranten ja einen Schuh hochhalten, um Bundespräsident Christian Wulff damit nach arabischem Ritus ihre Ablehnung und Verachtung zu demonstrieren. Der Mann aus Charlottenburg schleppte aber am Sonnabend um 14 Uhr den Schuh mit Prothesenbein vors Schloss Bellevue. „Wulff, zieh Leine, wir machen dir jetzt Beine“, schallte der Chor der 450 Demonstranten auf dem Spreeweg-Bürgersteig an der Ecke John-Foster-Dulles-Allee in Richtung Prachtbau. Und Beifahrer spendeten aus vorbeirollenden Oberklassewagen Applaus.

Die Demo war mit 150 Teilnehmern angemeldet, Bürgerbewegte auch auf „Facebook“ und vom Verein „Creative Lobby of Future“ hatten dazu aufgerufen.

Letztlich spießten weit mehr Menschen Lederstiefel und Badeschlappen, Sneakers, Gummistiefel und Flipflops auf Schirme und Stöcke. Friedrich Langrenter, 72-jähriger Lektor, und die 65-jährige Beamtin Petra Körner brachten abgelatschte schwarze Hausschlappen mit. „Mehr ist der Kerl nicht wert.“ Die beiden sagen, die aus ihrer Sicht ungeklärten Umstände des günstigen Bankkredits, die Angaben des Bundespräsidenten zu seinem „Urlaubsgästezimmer“ und der Angriff auf die Pressefreiheit seien aus ihrer Sicht genug Grund, hierher zu kommen. Rechtsanwalt Klaus Hoffmann, 77, sagt, das sei seine erste Demo überhaupt. „Aber wenn der erste Mann des Volkes so handelt, mag man sich nicht vorstellen, wie es in den Reihen dahinter aussieht.“

Derweil dokumentieren Urlauber aus Sightseeing-Bussen die ganze Szene, und auch ein junger Mann in grüner Jacke fotografiert, der 24-Jährige George, Tourist aus Moskau. Er sagt anerkennend, solch ein Protest sei in einer Demokratie eben möglich. Auf einmal kommt Bewegung ins Ganze, rund hundert Protestler stürmen über die Straße. Doch Polizisten formieren sich am Rand des präsidialen Rasens und drängen sie zurück. Laut Polizei schlägt ein 61-jähriger Mann einem Beamten die Faust ins Gesicht, als dieser seine Personalien feststellen will. Es kommt zu einer Rangelei, der 61-Jährige stürzt und wird im Krankenhaus ambulant behandelt.

„Ich fand Wulff von Anfang an blass“, sagt die Piraten-Abgeordnete Anne Helm aus Neukölln und hält einen gelben Highheel hoch. Die Würde des Amtes sei nun beschädigt, dabei habe Wulff selbst immer Transparenz gefordert. Mit der Demo sei auch Wehmut verbunden; die meisten der versammelten Menschen wollten dem Amt des Bundespräsidenten doch „an sich Respekt zollen“.

Mancher gibt sich zynisch. Die Frage, warum er mitdemonstriert, beantwortet einer – Seitenhieb auf Wulffs Zögerlichkeit – mit: „Da muss ich erst mal eine Woche überlegen.“ Und sagt dann lächelnd: „Wenn ich mich äußere, entspricht das nur teilweise der Wahrheit.“ Sein Name? Er buchstabiert: „W-u-t-b-ü-r-g-e-r“. Wen man auch fragt, alle sagen, sie hofften, nicht zu einer erneuten Rücktrittsforderungsprotestaktion kommen zu müssen. „Weil sich das Thema dann hoffentlich schon erledigt hat.“

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