Vor zehn Jahren starb Hatun Sürücü : Wenn Familienehre tödlich ist

Das Schicksal von Hatun Sürücü zeigte, unter welcher Bedrohung manche Frauen aus Migranten-Familien in Berlin schweben. Ihnen hilft der „Papatya“-Verein vor Zwangsehen.

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Stilles Gedenken. Jedes Jahr wird am 7. Februar Hatun Sürücüs in Tempelhof gedacht. Am Sonnabend um 12 Uhr gibt es an der Ecke Oberlandgarten/Oberlandstraße eine Kranzniederlegung.
Stilles Gedenken. Jedes Jahr wird am 7. Februar Hatun Sürücüs in Tempelhof gedacht. Am Sonnabend um 12 Uhr gibt es an der Ecke...Foto: Rainer Jensen/ picture alliance / dpa

Basma ahnte, dass ihr eigener Vater gefährlich für sie werden konnte. Im Frühjahr 2014, kurz vor ihrem 18. Geburtstag, war sie vor ihm aus ihrer westdeutschen Heimatstadt nach Berlin geflohen, in das geheime Frauenhaus der Hilfsorganisation Papatya. Sie fürchtete, ihre Familie wolle sie gegen ihren Willen in Pakistan verheiraten. Schon länger fühlte sie sich zu Hause unwohl. Jedes Mal, wenn sie den Eltern widersprach, schlug der Vater sie. Trotzdem übermannte Basma nach zwei Wochen in Berlin die Sehnsucht nach ihrer Familie. Sie wollte ihrem Vater glauben, als er am Telefon alles bereute, als er sagte, dass er ihren Willen in Zukunft respektieren würde. Sie kehrte zurück. Wenig später brachte der Vater Basma nach Pakistan. Niemand weiß heute, ob sie noch lebt.

Basma ist nicht das erste Mädchen, mit dem die Sozialarbeiterinnen der Hilfsorganisation Papatya gearbeitet haben, das verschwindet. Auch von Lehrern haben sie schon häufiger gehört, dass Schülerinnen plötzlich weg sind. „Bei unserer Arbeit wurde uns in den vergangenen Jahren klar: Im Ausland sind die Mädchen viel gefährdeter, einem Ehrverbrechen zum Opfer zu fallen als in Deutschland“, sagt Eva, die Leiterin von Papatya. Sie will ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen, weil die Familien von geflüchteten Mädchen versuchen könnten, sie aufzuspüren und unter Druck zu setzen. Seit 1986 finden in dem Frauenhaus der Organisation Mädchen vorübergehend Zuflucht, die ihre Familie verlassen, weil sie ein Ehrverbrechen fürchten. Vor einem Jahr hat Papatya die Koordinationsstelle für Verschleppung eingerichtet.

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Gedenken an Hatun Sürücü in Berlin
Gedenken an Hatun Sürücü in Berlin (2015)

Ihr Tod löste eine breite öffentliche Debatte über Parallelgesellschaften aus

Seit bald zehn Jahren gehören die Wörter Ehrenmord und Zwangsheirat zum deutschen Sprachgebrauch. Seit am 7. Februar 2015 Hatun Sürücü in der Tempelhofer Oberlandstraße von ihrem Bruder erschossen wurde, weil sie sich der Unterdrückung ihrer Familie nicht unterwarf, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führte. Ihr Tod löste eine breite öffentliche Debatte über Parallelgesellschaften und Integration aus. Seitdem ist die Öffentlichkeit sensibilisiert. Jedes Jahr wird am 7. Februar Hatun Sürücüs in Tempelhof gedacht. Auch am Sonnabend um 12 Uhr wird ihr zu Ehren an der Ecke von Oberlandgarten und Oberlandstraße ein Kranz niedergelegt.

Der letzte sogenannte Ehrenmord war es jedoch nicht. Seit dem Mord an Hatun Sürücü wurden allein in Berlin mindestens sieben Frauen von Angehörigen umgebracht, weil sie angeblich die Familienehre verletzt hatten. In ganz Deutschland mussten in den vergangenen zehn Jahren mindestens 50 Frauen und einige homosexuelle Männer deshalb sterben. Zudem wurden Frauen und Männer ins Ausland verschleppt, einige dort wahrscheinlich umgebracht.

Der Vater nahm sie mit nach Pakistan

Die Koordinationsstelle für Verschleppung von Papatya ist die erste überregionale Anlaufstelle. Lehrer, Behörden, Freunde, Bekannte und Betroffene selbst können dort Fälle von vermissten Mädchen und Jungen melden. Die Sozialpädagoginnen nehmen dann Kontakt mit Partnern im Ausland auf und organisieren, wenn möglich, mit den Botschaften die Rückführung. Im Sommer erhielt die Sozialpädagogin, die Basma bei Papatya betreut hatte, eine SMS von dem Mädchen. Basma schrieb, dass sie mit ihrem Vater in Pakistan sei, dass sie dort heiraten und bleiben sollte, dass sie ständig kontrolliert werde. Dass sie ihr Handy bei sich trug, hatte der Vater wohl nicht entdeckt.

Die Sozialpädagogin setzte sich zunächst mit dem Jugendamtsmitarbeiter in Verbindung, der Basma an Papatya vermittelt hatte. Von ihm erfuhr sie, dass das Mädchen von der Reise nach Pakistan erzählt hatte, dass sie freiwillig geflogen war, dass sie ihrem Vater geglaubt hatte, ein Familienfest stehe an. Die Sozialpädagogin fand eine Frauenhilfsorganisation in Pakistan, sie bat die Mitarbeiter, das Mädchen aus der Familie zu holen. Eine pakistanische Kollegin verabredete sich mit Basma, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Doch Basma erschien nicht. „Geht es dir gut?“, schrieb die Sozialpädagogin an die Nummer des Mädchens. Es kam eine Antwort in schlechtem Deutsch. Es gehe ihr gut. Absender war wohl der Vater.

Sechs Mädchen kamen dank Papatya frei

Seit die Koordinationsstelle für Verschleppung besteht, hat Papatya zwölf junge Frauen betreut, die von ihren Familien ins Ausland geschafft worden waren, um dort verheiratet zu werden. Sechs Mädchen kamen dank der Frauenhilfsorganisation wieder zurück. Von dreien weiß Papatya, dass sie sich dem Willen der Familie schließlich gefügt haben, von drei weiteren fehlt jede Spur.

„Meine Eltern haben meinen Pass und mein Handy abgenommen und gesagt, dass wir für immer im Irak bleiben!“, schrieb Wafa, eine 20-jährige Mathematik-Studentin im vergangenen Sommer an die Koordinationsstelle. „Ich kann hier auf keinen Fall leben, ich habe meine Freunde in Berlin. Was kann ich tun, um wieder zurückzukommen?“ Eine Mitarbeiterin von Papatya schrieb Wafa zunächst, sie solle alle E-Mails, die sie mit der Organisation austausche, sofort löschen, für den Fall, dass ihr Computer kontrolliert werde. Dann stellte sie ein paar Fragen. Sie erfuhr, dass ein Angehöriger regelmäßig Post von der Berliner Adresse der Familie abholte und den Inhalt per Telefon an die Familie weitergab.

Die Sozialarbeiterin kontaktierte verschiedene Behörden, bat darum, Wafa einzuladen. Die Familie sollte so unter Druck gesetzt werden. Das Bafög-Amt und die Kindergeldkasse machten mit. Gleichzeitig setzte sich die Mitarbeiterin mit der Deutschen Botschaft im Irak in Verbindung. Diese erklärte sich bereit, einen Ausweis auszustellen und das Geld für ein Ticket vorzustrecken. Tatsächlich willigten die Eltern ein, dass Wafa nach Berlin zurückkehren dürfe. Bedingung: Sie müsste zu Verwandten ziehen. Zurück in Deutschland schrieb Wafa an Papatya, sie sei in Berlin und überglücklich.

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