Vorschlag der Piraten : Landesbibliothek soll in Ex-Stasi-Zentrale einziehen

Daran hat noch niemand gedacht: Die leerstehenden Häuser des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit könnten ein Refugium der Bücher werden, meinen die Piraten. Der Bezirksbürgermeister findet die Idee vernünftig.

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Der Stasi-Komplex an der Normannenstraße steht weitgehend leer. Eine Bibliothek hineinzudenken, kostet allerdings viel Fantasie.
Der Stasi-Komplex an der Normannenstraße steht weitgehend leer. Eine Bibliothek hineinzudenken, kostet allerdings viel Fantasie.Foto: dpa

Die Plattenbauten an der Normannenstraße in Lichtenberg wären geeigneter Schauplatz für die Neuverfilmung eines Kafka-Romans. Lange Gänge, numerierte Türen, vergilbte DDR-Tapeten. Das Image der ehemaligen Stasi-Zentrale ist das eines menschenfeindlichen Unortes. Deshalb kam bislang niemand auf die Idee, hier eine neue Landesbibliothek anzusiedeln. Piratenchef Martin Delius sieht die Sache pragmatischer. Das Gelände sei bereits erschlossen – anders als der bisherige Favorit Tempelhofer Feld – und mit Bus und Bahn gut erreichbar. Also sollte man mal ernsthaft darüber nachdenken.

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD) findet den Vorschlag vernünftig. Das riesige Areal mit 20 Gebäuden stehe größtenteils leer. Außer der Stasi-Unterlagenbehörde, die hier einen „Campus der Demokratie“ einrichten möchte, gebe es aktuell keine Interessenten. Ein Großteil der Gebäude gehört einem Berliner Bauunternehmer. Gegenwärtig laufen Verhandlungen mit dem Bundesfinanzministerium, das weitere Flächen für das Stasimuseum ankaufen will. Auch die Jahn-Behörde liebäugelt mit einem Umzug auf das Gelände.

Der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, reagiert ebenfalls positiv auf den Vorschlag. "Das ist eine interessante Idee. Dieser Ort kann neues Wissen gebrauchen. Eine Bibliothek hätte auch eine symbolische Komponente.  Es drückt aus: Gesellschaften sind veränderbar."

Konkret in Frage käme vor allem das „Haus 18“, Dort hatte Stasi-Chef Mielke für seine 6000 Mitarbeiter ein Dienstleistungszentrum eingerichtet. Hier gab es eine Kaufhalle, einen Friseursalon, Buchladen, Reisebüro und sogar ein Kino. Die Stasi-Mitarbeiter sollten möglichst unter sich bleiben und den nötigen Korpsgeist entwickeln. Auch bis zu den ministeriumseigenen Wohnungen war es nicht weit. Haus 18, das ebenfalls leersteht, sei statisch und von der Raumaufteilung her für eine große Bibliothek geeignet, glaubt Geisel. Insgesamt stünden auf dem Gelände rund 100 000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung, die ZLB hat einen Raumbedarf von ungefähr 50 000 Quadratmetern.

Die Leitung der Zentral- und Landesbibliothek sieht den Vorschlag eher kritisch. „Das Kriterium war bisher: Grund und Boden müssen dem Land gehören, das ist hier nicht gegeben“, sagt ZLB-Sprecherin Anna Jacobi. Außerdem sei der Standort außerhalb des S-Bahnrings. Der Fußweg vom S-Bahnhof Frankfurter Allee wird vom Stasimuseum auf zehn Minuten taxiert. Das sei für eine Bibliothek schon an der Toleranzgrenze.

Auch die Fachleute der Fraktionen reagieren überwiegend ablehnend. „Eine aberwitzige Idee“, findet Katrin Lompscher von den Linken. „Die Nachbarschaft ist nicht gerade inspirierend.“ Auch die Grüne Antje Kapek kann sich für den Stasi-Komplex nicht erwärmen. Ebensowenig Stefan Evers von der CDU.

Die Abgeordneten bleiben ihren alten Favoriten treu: Evers votiert für eine Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB), Kapek möchte das Flughafengebäude in einen Büchertempel verwandeln. Dafür wäre auch Lompscher zu haben. Sie könnte sich als ergänzenden Neubau einen Magazinturm auf dem Flughafen-Vorfeld vorstellen. Das würde dem gesamten, eher in die Fläche orientierten Areal einen neuen Akzent verleihen, könnte aber am Denkmalschutz scheitern. Alternativ würde sich Lompscher wünschen, die bislang unbebaute Historische Mitte vor dem Roten Rathaus in die Standortdiskussion einzubeziehen.

Intensiv geprüft wurden bislang nur fünf Optionen: Umbau Flughafengebäude, Neubau Tempelhofer Feld, Erweiterung der Alt-Standorte Blücherplatz und Breite Straße, Umbau ICC. Gewinner dieser „Nutzwertanalyse“ war das Tempelhofer Feld, auf dem zweiten Platz kam der Blücherplatz, also die Erweiterung der AGB.

Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) gibt den Fachleuten aus Kultur- und Stadtentwicklungsverwaltung bis 2016 Zeit, sich auf einen geeigneten Standort zu einigen. Die Bibliothek dürfte auch etwas kleiner ausfallen als bislang konzipiert. Bibliotheksnutzer in den Bezirken hatten bemängelt, dass der Senat bereit sei, 270 Millionen Euro für einen prestigeträchtigen Neubau auszugeben, während in den Kiezen aus Geldmangel seit Jahren Bibliotheksstandorte aufgegeben werden. Dass die ZLB einen neuen zentralen Standort braucht, ist unbestritten. Die AGB gilt als überlastet, die Breite Straße als baufällig. Mit dem Scheitern der Baupläne auf dem Tempelhofer Feld und der Kritik an den hohen Kosten ist wertvolle Zeit verstrichen. Baubeginn war ursprünglich für 2016 vorgesehen.

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